Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 11 (November 1904)
- Article
- Ein Gruß der Pietat an das Breslauer Seminar
- Date
- 1904-11-01
- Page
- Seite 755 - 756 (sequence 5)
- Language
- German
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Hermann Cohen: Ein Gruss der Pietät an das Breslauer Seminar. 756 Ein Verlassen des Seminars konnte daher gar nicht als Fahnenflucht betrachtet werden. Aber es ist vielleicht nicht ohne Bedeutung, wenn ich berichte, was in mir den äusseren Anlass dazu abgab, dass der Entschluss aufkeimen konnte. Es war der Streit über die Tradition, der damals von Hirsch gegen Frankel entzündet wurde. Die buchstäbliche, äusserliche, dem Geiste der Geschichte widerstreitende Ansicht von der Quelle grosser göttlicher Ideen, sie war und ist mir in innerster Seele zuwider; sie ist für mich das Symptom, dass echte Frömmigkeit, die in der Wissenschaft lebendig sich betätigen muss, verschränkt ist durch eine vorwiegende Rücksicht auf eine unmittelbare Wirksamkeit in einer unfreien Menge, nicht auf eine geistig regsame Gemeinde. Das ist der Ruhm Frankels, dass er, der wahrlich den Zusammenhang mit der Gemeinde nicht brechen wollte, dennoch über deren Köpfe hinweg an eine Gemeinde dachte, wie die fortschreitende Wissenschaft sie fordert — und sie möglich macht. Diese Gemeinde der Zukunft sollten seine Schüler, die Rabbiner der Wissenschaft, heranbilden. Und das ist der ewige Sinn des geschichtlichen Judentums, dass es sich nicht in den Formen festbannen und festgraben lässt, die geschichtlich entstehen und ebenso vergehen; sondern dass es an die Ideen glaubt, als an die Quellen seiner Kraft, und an deren unerschöpfliche Bedeutung und niemals versiegende Fruchtbarkeit. „Die Worte seien nicht eingegraben ennrp in die Tafeln, sondern Freiheit fo^p) sei in ihnen." Möge der freie Geist der Wissenschaft immerdar in dieser hohen Schule walten. AUS DEM LEBEN DES Von Prof. L. G Die nachfolgenden Zeilen beabsichtigen nicht, ein Lebensbild meines Vaters zu zeichnen. Das ist vielfach von seinen Freunden und Schülern geschehen. Sie wollen nur einiges aus seinem persönlichen Leben und von seinem Tode erzählen, intime Erinnerungen an ihn geben, die manchem seiner Verehrer vielleicht von Interesse sein werden. Dass ein so ausgedehntes Lebenswerk, wie es mein Vater leistete, nicht ohne den angestrengtesten Fleiss zu vollenden war, liegt auf der Hand. Die elfbändige Geschichte der Juden, die er in 22 Jahren verfasste, und für welche er eine unendliche Quellenliteratur in den verschiedensten Sprachen studieren musste, wäre für die meisten Gelehrten schon mehr als ausreichend gewesen, um ein ganzes Leben voller Arbeit auszufüllen. Er aber warf sich nach Vollendung desselben mit jugendlichem Eifer auf kritische Bibelstudien, veröffentlichte noch eine Anzahl eigener Werke in diesem Gebiet, schrieb dazwischen eine überaus grosse Anzahl von wissenschaftlichen Abhandlungen, deren Zahl sich auf über 350 beläuft, und die zusammengefasst, noch ein mindestens achtbändiges Werk geben würden, und fand noch Zeit ausser dieser Tätigkeit und ausser seinem amtlichen Beruf, sich politischen Fragen mit Eifer zuzuwenden und vielen gemeinnützigen Bestrebungen seine Aufmerksamkeit und seine Arbeit zu widmen. Diese umfassende Tätigkeit Hess sich nur durch eine geregelte Zeiteinteilung bewältigen. Jahraus, jahrein stand mein Vater früh gegen 1 25 Uhr auf und sass um 5 Uhr bereits an seinem Schreibtisch. Den Kaffee, der ihm ein unentbehrliches PROF. DR. H. GRAETZ. raetz (München). Nachdruck verboten. Genussmittel war und den er fast zu allen Stunden des Tages liebte, bereitete er sich während des Anziehens selbst. Die Morgenstunden waren der wissenschaftlichen Arbeit gewidmet. Wenn wir als Kinder um 7 Uhr aufstanden, um in die Schule zu gehen, hatte er schon zwei Stunden Arbeit hinter sich, und war gewöhnlich so vertieft, dass er unseren Guten Morgengruss nur fast mechanisch beantwortete; zuweilen hatte er gar nicht bemerkt, dass wir ihn schon begrüsst hatten. Gegen 8 Uhr machte er eine kleine Pause in der Arbeit, nahm zum zweiten Mal Kaffee, diesmal mit Brot, zu sich und warf einen Blick in die Zeitung. Dann arbeitete er sofort weiter, während des Seme?ters bis um 9 Uhr, dem Beginn seiner Vorlesungen, während der Ferien aber bis nach 10 Uhr. Die Vorbereitung zu den Vorlesungen nahm, wenigstens in den späteren Jahren, an die ich mich persönlich erinnere, nicht sehr viel Zeit in Anspruch. Er hatte seine Wissenschaft fast völlig im Ko'pf, und gewöhnlich genügten ihm wenige Minuten, um das in der Vorlesung zu besprechende Thema sich ganz gegenwärtig zu machen. Die Vorlesungen waren meistens um 11 Uhr beendet, und die Zeit bis 12 Uhr wurde wieder der wissenschaftlichen Arbeit gewidmet. Um 12 Uhr aber brauchte er eine Erholung nach der nun schon 7stündigen geistigen Tätigkeit. Diese fand er im Lesen von Zeitungen. Nicht weit von dem Seminargebäude war eine Konditorei, die viele, auch auswärtige Journale hielt. Dort las er die Kölnische Zeitung, die damalige Augsburger Allgemeine Zeitung, den Figaro und andere, mit besonderem Vergnügen aber den Kladderadatsch,