Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 11 (November 1904)
- Article
- Ein Gruß der Pietat an das Breslauer Seminar
- Date
- 1904-11-01
- Page
- Seite 751 - 752 (sequence 3)
- Language
- German
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751 Hermann Cohen: Ein Gruss der Pietät an das Breslauer Seminar. 752 sammentraf. Die Unmittelbarkeit seines Wesens in der Zuneigung wie in der Abneigung zeigte sich auch hierin. Es war eine ganze kraftvolle Natur, die überströmen, aber immer nur eigenes Wesen ergiessen konnte. Frankel und Graetz hatten ihre ganze Kraft der Wissenschaft und der Geschichte des Judentums gewidmet; erst spät wurde Graetz zum Honorar-Professor an der Breslauer Universität ernannt, wo er auch nur seine jüdische Wissenschaft vortrug. Bernays dagegen habilitierte sich zugleich an der Universität für sein Fach der klassischen Philologie, als er in das Seminar als Lehrer eintrat. Er hatte schon als Student bei seinem Lehrer Ritsehl Anerkennung und Bevorzugung gefunden, und Chr. August Brandis nennt ihn in seiner Geschichte der griechischen Philosophie im Texte. Er hatte in jungen Jahren die Auszeichnung erfahren, mit hervorragenden christlichen Gelehrten in engem Verkehr zu stehen. Als Bunsen preussischer Gesandter in London war, wurde er Hauslehrer bei dessen Kindern. Und wenn es einem von uns einmal passierte, im deutschen Aufsatz eine Phrase von Mommsen ohne Zitat sich anzueignen, so sagte er: „Wissen Sie denn nicht, dass ich jeden Bogen von Mommsen in der Korrektur lese?" Was hätte dieser Mann für die Würdigung des Judentums leisten können, für das Bekanntmachen und das Verständlichmachen seines Geistes und seiner Geschichte, wenn er mit aller seiner vasten Gelehrsamkeit, mit seiner Charakterstärke, mit seinem scharfen und beweglichen Geiste trotz allem dazu der Mann gewesen wäre. Und warum war er es nicht? Seine rituelle Orthodoxie, die er zwar nicht zur Schau trug, aber auch nicht diskret und sachgemäss im gesellschaftlichen Leben darzustellen verstand, verband sich mit einem Schellingschen Mystizismus, der ihm von seinem Vater überkommen sein mag. Der tiefe Mangel seines Wesens lag in seinem persönlichen Verhältnis zur Philosophie. Er kannte sie, er verstand sie, aber eben nur als ein Philologe und Historiker; und da es nichts gab, was er nicht verstanden hätte, so darf man wohl auch sagen, wie ein Polyhistor. Es war kein lebendiges, schaffendes, aufbauendes Denken, welches in dieser gewaltigen Maschine arbeitete. Daher erschloss sich sein immenses Wissen nicht zu einer innerlichen Fruchtbarkeit, zu einer humanen, freien Einwirkung auf seine Freunde und Zeitgenossen. Daher empfand er den Trieb nicht in sich, die Ideen des Judentums, das fortwirkende Wesen desselben seinen christlichen Freunden bekannt und deutlich zu maenen. Diese Schranke seiner grossen Kraft stiess mir schon damals peinlich auf, so dass ich kein Verhältnis inniger Pietät zu ihm fassen konnte; wie denn auch seine Unfreude an mir fortgedauert haben soll. Seiner Persönlichkeit fehlte geistig wie wohl überhaupt seelisch in einem höheren Sinne die Einheit. Er war eine Mischung von grossen, eigenen Zügen, aber sie waren nicht zu einer erquickenden natürlichen Harmonie verschmolzen. Dennoch aber denke ich voll Bewunderung und Dankbarkeit an seine Erklärungen des Sallust und des Tacitus, des Thukydides und des Demosthenes, in denen er den politischen Sinn vorzugsweise weckte. Und wenn ich jetzt in meinem Seminar Piaton erkläre, so macht es mir Freude, eine geistvolle Deutung im Phädrus von ihm anzuführen. Und am Seder-Abend tradiere ich seine Erklärung des pipw durch iTuxwjAiov: dass im Gegensatz zu den bakchischen Epikomien unser Pessach ein Fest der geistigen Freiheit sei. Joel hatte noch nicht so grosse Leistungen hinter sich, und es ging die Meinung über ihn, dass er immer nur gute Aufsätze, aber nur Aufsätze schreiben werde. In der Tat hat er sein grösstes Werk „Blicke" genannt. Aber fein, wie der ganze Mensch war — das Bild in der soeben erschienenen Geschichte des Seminars ist leider schlecht — mit seinem schlanken Gliederbau und seinem zarten Teint, so war er ganz und im besten akademischen Sinne ein Lehrer. Wie seine Stimme expektorativ erzitterte, so war seine ganze Natur mitteilsam. Und in allem, was er lehrte, predigte, oder in der Unterhaltung und seinem lachenden Witze aussprach, war es immer der ganze Mann, der sich hingab, dem Jüngsten und dem Kleinsten sich ebensowenig entzog, wie dem Reiferen, den er an Jahren nur wenig übertraf. Gründliches, gediegenes, ausserordentlich vielseitiges Wissen war in ihm, der wirklich eine philosophische Natur war, zu einer Einheit der Lebensanschauungund der Welterfahrung lebendig geworden. Daher konnte er im geistlichen Amte versöhnlich wirken, und zugleich gegen Hass und Vorurteil mannhaft die Feder führen. Ich werde es nie vergessen, welchen Eindruck die klassische Predigt Joels auf mich machte, während wir manchmal von ihm zu Abraham Geiger hinübergingen und von der machtvollen Beredsam-