Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 11 (November 1904)
- Article
- Ein Gruß der Pietat an das Breslauer Seminar
- Date
- 1904-11-01
- Page
- Seite 749 - 750 (sequence 2)
- Language
- German
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749 Hermann Cohen: Ein Gruss der Pietät an das Breslauer Seminar. 750 von einem anderen dieser bedeutenden Männer, nämlich von Jacob Bernays, nicht minder gestehen, dass ich seiner Gunst und Anerkennung nicht teilhaft geworden bin. Rührend war es mir, als ich 1873, nachdem die .erste Auflage von „Kants Theorie der Erfahrung" seit zwei Jahren erschienen und ich soeben zur Habilitation in Marburg angenommen worden war, in Norderney mit Frankel zusammentraf, dieser in seinem unveränderten Wohlwollen mir sagte: „Wenn Berna}^ Sie besser behandelt hätte, wären Sie doch vielleicht bei uns geblieben". So gütig auf jeden Einzelnen und seine Eigenart achtend war dieser wahrhaft hervorragende Mann, der daher auch der schwierigen Aufgabe gewachsen war, ein Lehrerkollegium zu leiten, in dem es nicht nur keine Null gab, sondern in dem beinahe Alle grosse Forscher und grosse Köpfe und daher selbständige Naturen waren. In neuerer Zeit ist Frankels Persönlichkeit aus dem Briefwechsel bei dem Plane seiner Berufung nach Berlin in ein helleres Licht gerückt worden, als es für weitere Kreise diesem Vermittelungs - Theologen bis dahin beschieden gewesen sein mag. Die Energie und die Politik seinerPrinzipien, wie die strenge Vornehmheit seines Wesens wurden dabei evident. In der persönlichen Erscheinung wirkt die Vornehmheit selten anziehend, zumal bei einem Gelehrten, der nur Gelehrter zu sein, sein zu wollen und sein zu können schien. Und seine Gelehrsamkeit war seine Frömmigkeit. Ein tiefer Ernst und eine innere Würde lag auf diesem schlichten, in stetiges Nachdenken versunkenen Antlitz. Er war gut gewachsen und trug sich auch gut. Und doch meine ich, dass seine Gestalt, besonders Geheimer Regierungsrat Dr. Hermann Cohen ordentl. Professor an der Universität in Marburg, ge\ 1842, im Seminar 1857. wenn er stand, und er stand ganz ruhig, wie verrenkt erschien. Er war ganz in die Sache, die er vortrug, hineingewachsen. Sein Gang war nicht steif, noch ohne Elastizität, sondern schnell und leicht. Die Würde lag in der sicheren Haltung des mächtigen Kopfes und in dem geraden, festen und klaren Ausdruck seiner Züge, wie auch seiner Sprache. Seine Rede war allezeit einfach und bestimmt und sachlich. Diesen Mann konnte die Krankheit des Ich, die Eitelkeit, nicht anfechten. Er und seine Sache waren eins. Seine Persönlichkeit war seine Sachlichkeit. Ich könnte viel über ihn und besonders auch manches über seine Lehrartsagen, aber alles müsste doch auf diesen Kernpunkt seines Wesens, seine gediegene Sachlichkeit zurückführen. Graetz hatte nicht diese imposante Sachlichkeit. Bei ihm herrschte der Blick vor, der von der Person ausging und die Person ins Auge fasste, bald strahlend,bald stechend. Diese Impulsivität, die ihn als Schriftsteller auszeichnet, und die ihn nicht nur zu unserem grossen, sondern auch zu unserem wirkungsreichen Historiker machte, sie beseelte und vergeistigte auch seinen Unterricht. So jung und unvorbereitet wir dazumal waren, so erhöhte er unser geistiges Niveau durch seine interessante und lebensvolle Charakteristik der Männer unserer Literatur. Manchmal Hess er seiner kritischen Laune dabei übermässig die Zügel schiessen, und ich bilde mir ein, dass ich bei einem solchen Anlass, höflich aber bewusst ihm entgegenfragend, seinen Unwillen mir zugezogen habe. Wie herzlich aber, [mit welcher offenbaren Freude kam der alte Lehrer mir entgegen, als ich 1879 in Karlsbad mit ihm zu-