Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 11 (November 1904)
- Article
- Das jüdisch-theologische Seminar zu Breslau
- Date
- 1904-11-01
- Page
- Seite 745 - 746 (sequence 3)
- Language
- German
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745 Dr. M. Güdemaun: Das Jüdisch-theologische Seminar zu Breslau. 746 Dr. J. Elbogen Dozent an der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums in Berlin, geb. 1874, im Seminar 1893-99. und sich nie etwas vergab. Nicht bloss wir Schüler, sondern auch die Lehrer blickten voll Verehrung zu ihm auf. Er war kein Redner und selbst im Lehrvortrag schwer verständlich. Dennoch pflegte er im Betsaal des Zufluchtshauses und dann des Seminars eine Zeitlang zu predigen, bis ihm einmal amRosch-haschana die Aussprache desWortes „Posaunenschall" mit seinen Zischlauten ersichtliche Schwierigkeiten bereitete. Von da an gab er das Predigen auf. Auch bei der alljährlich am 27. Januar abgehaltenen Feier zum Gedächtnis des Stifters, bei der Regierungspersonen und Universitätsprofessoren zugegen zu sein pflegten, ereignete sich einmal ein derartiger Zwischenfall. Obwohl er ablas, sprach er doch das Wort Akademie konsequent Akadamie aus. Ich sehe noch, wie Bernays jedesmal auf seinem Stuhle unruhig hin und her rückte, wenn das unglückselige Wort sich wiederholte. Trotzdem kein spöttisches Lächeln in den Mienen der Zuhörer, alle waren gebannt von dem mächtigen Eindruck der Persönlichkeit und der Hochachtung, die sie einflösste. Er verdiente sie auch. Seine Frömmigkeit war gross, tief, ehrlich, still. Sie fiel niemand lästig. Milde und Herzensgüte verschönerten seine Gesichtszüge. Niemals verlautete in seinen Vorträgen ein abfälliges Urteil über andere, im Privatgespräche habe ich nur einmal ein solches von ihm vernommen, als ich selbst schon zum Rabbiner gewählt war. Er besass ausserordentlichen Fleiss, seine Pflichterfüllung war die gewissenhafteste. Seine Liebe zu den Schülern war, obgleich er sich ihnen niemals über eine gewisse Grenze hinaus näherte, aufrichtig und opferfähig. Er nannte sie, selbst kinderlos, seine Kinder. Nie ward er müde, den Schülern die Bildung des Charakters zu empfehlen und sie an eine idealistische Auffassung des von ihnen an- Prof. Dr, Leopold Cohn Prof. an der Universität und Oberbibliothekar an der Königl. und Universitätsbibliothek in Breslau, creb. 1863, im Seminar 1883—84. Dr. Gustav Karpeles in Berlin Literarhistoriker, und Redakteur, geb. 1847, im Seminar 1864—65. gestrebten Berufes zu gewöhnen. Er war mit einem Worte eine zusammengefasste Natur, die nie aus dem Leim ging, nie ihren Schwerpunkt verlor, und wie prädestiniert für die Aufgabe, das erste Seminar ins Leben zu rufen und zur Entfaltung zu bringen. „Ich werde nimmer seines gleichen sehn." Von ganz anderem Schlage war Graetz, jovial,zugänglich, stand er in viel engerem Kontakt mit den Studierenden, als Frankel. Er war eine leicht entzündliche Natur und gab jedem Eindruck nach, was ihm manche Unannehmlichkeit bereitet hat. Bekannt ist sein hartes Urteil überZunz. MichaelSachs hatte ihn diesem vor dem Erscheinen des ersten, nämlich vierten Bandes der Geschichte mit den Worten vorgestellt: „Herr Dr. Graetz, Verfasser einer jüdischen Geschichte," worauf Zunz spöttisch bemerkte: „Schon wieder eine Geschichte!", Sachs aber zurückgab: „Erst eine Geschichte". Von daher rührte Graetz' abfällige Aeusserung über Zunz, die er später kassierte. Auch Graetz besass keine Rednergabe, dennoch war sein immer mit geistreichen Apercus gewürzter Vortrag fesselnd und eröffnete weite Ausblicke. Eine rastlose, unermüdliche Tätigkeit, strenge Pflichterfüllung, warme Hingabe an seinen Lehrberuf und aufrichtige Teilnahme an dem Wohlergehen der Schüler zeichneten ihn aus und machten ihn zu einer der festesten Stützen des Seminars. Die interessanteste Persönlichkeit des damaligen Lehrkörpers war unstreitig Jacob Bernays. Die Welt kannte und schätzte ihn als den berühmten Philologen, obwohl er in Breslau nur Privatdozent war. Ich habe oftmals Mommsen, der damals noch in Breslau lebte, die beiden Treppen in seine Wohnung hinaufsteigen gesehen, ihn zu besuchen. Von Braniss hörte ich in einer Vorlesung den Wunsch aussprechen: „Wenn doch unser Bernays einmal über die Poetik des Ari-