Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 11 (November 1904)
- Article
- Das jüdisch-theologische Seminar zu Breslau
- Date
- 1904-11-01
- Page
- Seite 747 - 748 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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747 Dr. M. Güdemann: Das Jüdisch-theologische Seminar zu Breslau. 748 stoteles lesen wollte!" Aber im Seminar enthüllte er die andere Seite seiner Genialität, die der Welt fast gänzlich unbekannt blieb, seine ungemeine Vertrautheit mit der Bibel und der rabbinischen Literatur. Er hat nie veifehlt, in seinen philologischen Schriften Proben dieser Vertrautheit abzulegen. Als ich ihn 1874 in Bonn besuchte, fand ich ihn in die Frankel'sche Ausgabe der ersten Traktate des jerusalemischen Talmud vertieft. Dabei war er sehr fromm. Wenn er auch nicht regelmässig in der Synagoge erschien, so fehlte er am Sabbat Paraschat Sachor gewiss nicht, weil die Anhörung dieser Vorlesung in der Thora vorgeschrieben ist. Seinen Bruder Michael mochte er nicht, auch schon bevor derselbe getauft war, er nannte ihn einen Hausierer. Dennoch soll er sich zuletzt mit ihm ausgesöhnt haben. Er war, ein Hagestolz, nicht frei von Seltsamkeiten. Mit den Schülern unterhielt er keinen Verkehr, aber seine Vorlesungen boten die reichsten Anregungen. Er wusste immer etwas Entlegenes aus dem Dunkel hervorzuholen und beleuchtete es mit dem Strahl seines Geistes. Auch seine Vorträge auf der Universität waren nicht eigentlich schulmässig, sondern Spezialitäten gewidmet. Graetz sagte von ihm, er lese Marzipan. Für die Bildung des Ausdrucks und des Stils hat Bernays im Seminar das meiste getan. Zuckermann nahm eine bescheidene Stellung im Lehrkörper ein, wie er selbst von rührender Bescheidenheit war. Auch er war ein Hagestolz, aber ohne die Eigenheiten eines solchen. Immer liebenswürdig, zuvorkommend, hilfsbereit war er der beste Freund und Vertrauensmann aller Seminaristen. Als Mathematiker hat er durch seine Arbeiten manche Stelle im Talmud, den er gut kannte, aufgestellt und auch seine Schüler auf derartige Arbeiten hingeleitet. Er war auch der erste Bibliothekar des Seminars. Eine aufrichtige und tiefe Frömmigkeit war von dem Vater, der sein eigenes Bethaus hielt, auch auf ihn übergegangen. Das sind die Männer, die vor fünfzig Jahren als die ersten Lehrer des Seminars vor der kleinen Schar lernbegieriger Schüler erschienen. Nun schlafen sie schon lange unter der Erde, aber ihr Bild hat sich wohl dem Gedächtnisse und auch dem Herzen eines jeden ihrer Schüler eingeprägt. Dieses Bild, wie es mir in jungen Jahren erschienen ist, habe ich mit wenigen Strichen zu zeichnen versucht, ohne auf die wissenschaftliche Bedeutung jedes einzelnen einzugehen. Dem Seminar selbst aber, der Schöpfung jener Männer, sei der alte Glückwunsch dargebracht: Vivat. crescat, floreat! EIN GRUSS DER PIETÄT AN DAS BRESLAUER SEMINAR. Von Dr. Hermann Cohen Geheimer Regierungsrat und Ordentlicher Professor an der Universität in Marburg. Nachdruck verboten. Es könnte sonderbar scheinen, dass ich, der ich das Seminar vorzeitig verlassen habe, der freundlichen Aufforderung dieser Zeitschrift zufolge eine Reminiszenz aus dieser meiner Entwicklung gerade zum Jubiläum der Anstalt niederschreibe. Und doch möchte es auch zum Ruhme dieser ersten und sicherlich eigenartigen Lehranstalt gehören, dass sie auch solche Zöglinge gehabt und gepflegt hat, welche ihre eigenen Wege zu gehen sich entschlossen, und dennoch am letzten Ziele sich in Eintracht fühlen mit den Gesinnungen, aus denen heraus die vornehmste Bildungsstätte ihrer Jugend ins Leben geruien und geleitet wurde. Ich bezog im Oktober 1857, soeben fünfzehn Jahre alt geworden, dieses Seminar, nachdem ich bis dahin das Gymnasium zu Dessau besucht hatte. „Ich will Cohen aus Dessau hören", pflegte Frankel zusagen, wenn er zur Inspektion der Talmudklasse bei Graetz eintrat, von dem er wusste, dass er keine besondere Sympathie für mich hatte. Nicht dass er mir irgendwann irgendwie ein Unrecht oder eine Kränkung zugefügt hätte; aber heute darf ich es ja wohl sagen, es regte sich in mir schon in diesen jungen Jahren eine Art von historischem Bewusstsein, und dieses harmonierte nicht immer mit der scharfen, kantigen Persönlichkeit dieses grossen Forschers, die es daher bei der täglichen Berührung des Unterrichts nicht verschmähen mochte, den Kiemen, der ohne hervorstechende Gaben doch in der Gesinnung eine Selbständigkeit erkennen Hess, bisweilen unmutig abzustossen. So gering das Beispiel ist, so zeigt es doch die pädagogische Fürsorge, welche „der Direktor", wie er mit vollem Recht genannt wurde, sich angelegen sein Hess. Und um das Persönliche in meiner eigenen Disposition sogleich zu erledigen, so will ich auch