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Ost und West · 1904-11-01 · Heft 11 (November 1904) · p. Seite 735 - 736

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Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 11 (November 1904)
Article
Das jüdisch-theologische Seminar zu Breslau
Date
1904-11-01
Page
Seite 735 - 736 (sequence 3)
Language
German
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735 Dr. Ludwig Levy: Das Jüdisch-theologische Seminar zu Breslau. 736 Lokalbedürfnis angepasst waren und in engerem Kreise segensreich wirkten, gewann die Errichtung des Jüdisch - theologischen Seminars eine eminente Bedeutung für die Gesamtjudenheit. Mit der Vollstreckung seines letzten Willens betraute der Testator drei Kuratoren, die nach Erledigung aller Präliminarien im Januar 1851 an die Lösung ihrer schwierigen Aufgabe herantraten. Ueber die Vorarbeiten zur Gründung gibt uns ein interessanter Brief1) des Kurators Dr. Immanuel Levy an Joseph Lehmann, den Freund Heinrich Heines und Berthold Auerbachs, Aufschluss. Er bespricht zunächst die Frage, ob es möglich wäre, dem Wortlaute des Testaments gemäss Lehrer und Rabbiner in der gleichen Anstalt heranzubilden. „Ich würde den Hauptakzent auf die Ausbildung von Rabbinern \\ legen, und bei :) einem solchen dann die Absolvierungderphilosophischen Universitätsstudien neben der spezifischen Ausbildung auf unserem Seminar voraussetzen. Ein so ausgerüsteter Mann muss dann ebensogut Lehrer als Rabbiner sein können. Oder sollen dennoch zwei Kategorien geschaffen werden müssen, eine Jüdisch-theologisches zur Heranbildung von Lehrern, eine andere für Rabbiner? .... Schliesslich wird allerdings alles darauf ankommen, eine Persönlichkeit zu finden, welche an der Spitze eines Seminars zu stehen vermag, dessen Beruf kein geringerer sein soll und sein darf, als eine Autorität für die Juden zu werden; denn, wenn irgendwo, so gilt es hier: aut Caesar, aut nihil. Alles, alles wird an der Person des Dirigenten hängen, ja sogar der ganze Plan würde dem designierten Dirigenten überlassen werden können unter Vorbehalt unserer Genehmigung, wenn wir eben einen hätten. Das wird nun freilich sehr schwer sein. Wir sind nicht überreich an Autoritäten, deren religiöser Standpunkt und deren ganze Persönlichkeit zugleich alle die Garantien 0 Vgl. die mir vorliegende „Geschichte des jüd.-theol. Seminars in Breslau". Festschrift zum 50jährigen Jubiläum der Anstalt. Von Dr. M. Brann. S. 23. bietet, welche zum Gedeihen einer solchen Anstalt notwendig sind . . . Mit Vorliebe denke ich an Dr. Sachs in Berlin. Sie sind ja mit ihm verwandt. Die Persönlichkeit von Zunz möchte vielleicht etwas Vorsicht erfordern. Sie und Dr. Veit müssen uns hierin am besten raten. /Wie ist Frankel in Dresden? Ich gestehe, dass meine Kenntnis rabbinischer Autoritäten nicht weiter reicht." Lehmann, der die Kräfte, die zur Verfügung standen, genauer kannte, riet, sich an Franckel zu wenden; alsbald wurden die Unterhandlungen mit dem Dresdener Oberrabbiner eingeleitet. Zacharias Frankel war eine der Persönlichkeiten, die selten | in Uebergangsperioden gedeihen, wo alte Anschauungen und neue Eindrücke in schwere Konflikte geraten und den Menschen nicht zur Einheitlichkeit des Charakters gelangen lassen. Und doch war es gerade diese bewegte Zeit mit ihren sich scheinbar widerstreitenden Bildungselementen, mit ihrer religiösen und politischen Gärung, die Frankel ein antik-jüdisches und zugleich ein modernes Gepräge gaben. Er war einer der wenigen Juden jener Zeit, die auch im Verkehr mit den hohen weltlichen Behörden Würde und Sicherheit nicht verloren. Auf das gute Recht des Judentums und seiner Bekenner pochend, erwirkte er vom sächsischen Ministerium die Abschaffung der demütigenden Formalitäten bei der Eidesleistung von Juden. Von hohem Selbstbewusstsein zeugt sein Schreiben an den preussischen Minister von Eichhorn, von dem er nicht Duldung, sondern Achlung der jüdischen Konfession und ihrer Vertreter verlangte. Aus Frankels politischer Tätigkeit weht uns derselbe Geist der Liebe zum Judentum entgegen, wie aus seinem stillen Schaffen in der Studierstube. Sein Programm hat er in kurzen Worten ausgesprochen: „Aussöhnung des Glaubens mit dem Leben, Fortschritt innerhalb des Glaubens, Erhaltung und Veredelung, Regeneration des Judentums aus und durch Seminar (Strassenfront).

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