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Ost und West · 1904-10-01 · Heft 10 (Oktober 1904) · p. Seite 703 - 704

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Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 10 (Oktober 1904)
Article
Bettina und die Juden
Date
1904-10-01
Page
Seite 703 - 704 (sequence 4)
Language
German
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703 Dr. Leopold Hirschberg: Bettina und die Juden. 704 denn der Dritte gleicht der Euch auch? — „Der ist noch ein klein Jüngelchen aber er verläugnet den Grossvater nicht, und die Töchter sind schon so hülfreich die eine ist dreizehn und die andere elf Jahr, aber sie sorgen fürs Haus und für die Kleidung." — Das waren alles gewöhnliche Reden, aber wie erfüllt von Herzlichkeit!" Sie lässt sich weiter ganz genau von ihm berichten, wie er den Lebensunterhalt für die vielköpfige Familie zusammenbringt. Sie hört, wie er die Giessener und Marburger Studenten in Mathematik unterrichtet und mit alten Hochzeitskleidern aus dem vorigen Jahrhundert und „verlegenen altmodischen Spitzen" handelt, und sie brennt vor Begierde, die Enkel mit ernähren zu helfen. Sie hat einen ernsten Respekt vor dem Alten, der unter solchem Druck sich den Adel des Lebens so frei und untadelhaft bewahrt hat, dass seine grosse Seele sich nicht einmal durch das niedrigste Geschäft gebeugt fühlt, und sie — die strenggläubige Katholikin! — ist glücklich, wenn er ihr beim Abschied die Hand segnend aufs Haupt legt und sie „lieb Töchterchen" nennt: „Du glaubst gar nicht wie fabelig mich der Mann macht, aber die Pabriarchenwürde strahlt mich an aus ihm!" Wie schön und edel ist auch folgendes Gespräch: „Er sagte: .,wir wollen einander nicht umsonst kennen gelernt haben, und Sie sollen manchmal noch des alten Ephraims Spuren in Ihrem Geist verfolgen wenn er schon lange nicht mehr lebt" — wahrlich ich hatte auf der Zunge ihm zu sagen, dass ich ihn unaussprechlich liebe und dass mir an seinem Segen mehr gelegen sei als an der ganzen Welt. Gestern sprachen wir von Napoleon, ich sagte mit Euch wollt ich Schlachten gewinnen! — .,Warum? — trauen Sie mir so viel Mut zu? — hab ich ihn doch noch nie bewiesen, und vielleicht noch nicht Gelegenheit gehabt ihn zu proben, denn des Juden Weg ist, sich zwischen Dorn und Disteln durchzuschleichen, mit denen der Christ ihm die Strassen verhackt und er muss sich scheuen dass die Hunde wach werden die in die Dornen hinein ihn verfolgen, dass er nicht mehr vornoch rückwärts weiss, und oft itn Schweiss seiner Mühen zugrunde geht, und was noch trauriger ist, — seinen Gott nicht mehr im eigenen Herzen findet," — und er faltete seine Hände und verfärbte sich." Bettinas lebhaftes Gemüt ist durch den Ephraim so angeregt worden, dass sie dem Prediger Bang nur dann zuhören wollte, wenn er von Juden predigte.1) Wo sie kann, verteidigt sie ihren Freund gegen hämische und unfreundliche Bemerkungen. Sie hat nur ein mitleidiges Lächeln für die Aeusserung ihrer Frankfurter Angehörigen, wo sie einen Mann hernehmen wolle, wenn sie hebräisch lerne? Selbst über den aufgeklärten Savigny lacht sie, wenn er fragt: „nun war Dein alter Mathematikus bei Dir, hast Du wieder Judenweisheit studiert? — bist Du heut wieder klüger wie die andere Menschheit, hat Dich Dein Jud eingeweiht?" Welch eine Fülle von Edelsinn quillt aber in der Jungfrau Worten, wenn sie so an die Freundin schreibt: „Mir steht hier nur der Jude vor Augen, der über die sinkende Blüte der Eltern hinaus, die schweren Lebensbedingungen erfüllt, jeden mühevollen Weg zur Erhaltung der Enkel macht, keinen Tag mehr als den seinen verlebt, nicht um sich selber kümmert, in der Tageshitze zu den Seinen hinwandernd, sich mühsam beugt, um die Brosamen zu sammeln auf dem Weg und sie den verwaisten Kindern zu bringen. — Sein Weg war sonst Wissenschaft, Studium der alten Sprache, Philosophie; und nun! — wirft ihn das Geschick hinaus aus der Bahn, durch seine Aufgaben die mehr mit dem wirklichen Leben zusammenhängen? — mir deucht nicht, — mir deucht es sei die erste heilige Blütezeit seines jugendsprossenden Geistes, — so ist er auch friedvoll und ruhig im jungen Sonnenlicht keimend und treibend, lebenswarm ist der Boden, die Luft und sein Wille und sein Denken — und was er sagt ist wie die Rebe in die der Saft steigt einstiger Begeisterung, — und ich weiss nichts mehr von Veralten, Verwelken, seit ich diesen Mann angeschaut hab — die Sterne haben mirs gesagt lür Dich." Und kaum der Tränen kann man sich erwehren, wenn sie von der schweren Krankheit des Greises und seinem nahen Tode erzählt. Diesen letzten Gesang des Idylls „Ephraim und Bettina" möchte ich meinen Lesern nicht vorenthalten: „Ich hab mich zu ihm führen lassen um dieselbe Stund wo er gewöhnlich kommt, aber es war gestern Freitag, und wie ich kam sass er fein gekleidet aut S. HIRSZENBERG. ANTICOLI-PIAZZA DELLE VILLE (Oelgera.) *) Die Güaderode. 1. c, p. 236.

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