Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1904)
- Article
- Bettina und die Juden
- Date
- 1904-10-01
- Page
- Seite 701 - 702 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2583875-2583918-2583928-2590766--04420-2590854- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
701 Dr. Leopold Hirschberg: Bettina und die Juden. 702 aller Falschheit und Lüge und törichten Konvenienz, zeigt sich in diesem einfachen und doch so innigen Schreiben. Die Grossherzigkeit und Furchtlosigkeit, mit der sie sich über derartige „Rücksichten" hinwegsetzt, bringt sie in einen bedeutungsvollen Gegensatz zu Goethe, wobei der Vergleich nicht zugunsten des grossen Dichters ausfällt. Am 17. November 1807 schreibt sie an Goethe1) unter anderem ganz beiläufig „von den Juden und den neuen Gesetzen ihrer Städtigkeit", und dass sie sich sehr dafür interessiere. Mit einer ungewohnten Schnelligkeit antwortet er, indem er das nebensächlich Mitgeteilte zur Hauptsache macht. Er geifert darin förmlich über die Juden, die man in ihrer neuen Städtigkeit „als wahre Juden und ehemalige kaiserliche Kammerknechte traktiert", und das Kind Bettina musste ihm, wie Börne sich ausdrückt, „weiche Umschläge auf sein gichtiges Herz legen und ihn beschwichtigen, wie einen leidenden, mürrischen Onkel!* Einen breiten Raum gönnt Bettina ihrer Bekanntschaft mit dem jüdischen Mathematiker Ephraim. Sehr lebhaft schildert sie ihr erstes Zusammentreffen mit ihm ihrer Herzensfreundin, der unseligen Karoline v. Günderode:2) „"Weisst Du denn wer meine erste Bekanntschaft ist die ich hier gemacht hab? — Ein Jud! — aber was für einer? — der schönste Mann! — ein weisser Bart von einer halben Elle, grosse, braune Augen so schöne einfache Gestalt, die ruhigste Stirn prächtige majestätische Nase, Rednerlippen, aber von denen die Weisheit süss hervortönen muss. Unser Hauswirt der Professor Weiss, rief mich und sagte, „wollen Sie einen schönen Juden sehen, so kommen Sie in meiner Frau ihr Zimmer, sie verhandelt ihm eben ihr Hochzeitskleid." Die Meline wollte nicht mitgehen und war verwundert dass Weiss uns einlud einem Handelsjud die Aufwartung zu machen, ich hab's aber nicht bereut, es war ein Bild zum malen, er sass in einem sehr reinen Rabbiner- oder Gelehrten-Gewand am Tisch, seine Hand guckte aus dem schwarzen weiten Ermel, und das Abendrot leuchtete durch die Scheiben; es war das schönste Bild und gern hätte ich die Meline gerufen es mit anzusehen, wenn nicht eine Scheu, um nicht zu sagen Ehrfurcht, mich auf dem Platz gehalten hätt, ich hätte diesen Mann nicht mögen als Gegenstand der Neugierde behandeln. — Es war ein so liebenswürdiger Adel in allem was er sagte, und wie er den gutherzigen Scherzen des Weiss eine feine Wendung gab, dass ich ganz eingenommen von ihm war. Zwei Stund hab ich mit ihm geplaudert, und ich dacht schon drauf wie ich's machen wollt dass ich ihn öfter sehen könnt." J) Goethes Briefwechsel mit einem Kinde. Berlin 1S35. Bd. II, p. 184 ff. 2) Die Günderode. Grimberg und Leipzig 1840. Bd. II, p. 66 ff. Von da an entwickelt sich ein inniger Seelenfreundschaftsbund zwischen dem blühenden Mädchen und dem alten Juden. „Ha hä ha! — Das heisst: ich lach! — über was? — dass der Savigny1) nichts weiss von meiner zärtlichen Neigung für den Jud", so jubelt sie zur Günderode. Wenn sie ihn von weitem kommen sieht, dann winkt sie ihm schon mit dem Tuch und spricht mit ihm — „aber nicht wie gewöhnlich die Menschen sprechen". Folgende Probe eines solchen Gesprächs sei hierher gestellt: „Er sagte die sichtbare Welt ist trüb aber mit hellem -Blick braucht einer nicht lang zu forschen in wenig Zügen erkennt er was ihm verwandt ist." Ich sagte: aber wie erlangt man einen so hellen Blick? „Man muss allein die Natur anschauen und kein Vorurteil zulassen, das gibt einen hellen Blick?* — Ich frag: traut Ihr mir das zu, dass ich die Natur mit hellem Blick anschau und ohne Vorurteil? „Ja!"* sagt er, „und ich weiss dass ich nicht irre — und dass Sie scharfsichtig sind." — So hab ich also recht wenn ich in Euch einen begeisterten Mann erkenne? — „Zum wenigsten sind Sie dem Wahren näher, als andere die den Juden für einen gedrückten Mann halten, innerlich quillt die Freiheit, und ein Tropfen ist genug über alle Verachtung uns zu heben." Kaum kann man sich ein lieblicheres Genre-Bild denken, als Bettina und Ephraim, das schöne, glühende Mädchen und der ernste, ehrwürdige Greis. Wie patriarchalisch sich das seltsame Verhältnis allmählich gestaltete, das möge eine andere reizende Unterhaltung zeigen, von der es unverantwortlich wäre, nur ein kurzes Zitat zu geben: „Er lächelte mich an und sah aus wie ein Fürst, — ich fragte: wo sind Sie denn so lang gewesen? — Nun! sagte er, was reden Sie doch so fremd, bin ich nicht noch der Alte? — heiss ich nicht mehr: Lieber Jud? — ich musste ihm die Hand reichen, ich sagte, Ja! — hättest Du nur die ironische Miene gesehen in dem erhabenen Gesicht und das milde herablassende Lächeln zu mir; — er sagte: nicht aus jedem Mund gefällt einem das Ihr oder Du mit dem der Jude sich muss anreden lassen, aber Ihrem lasse ich's nicht gern abgewöhnen.— Dir hätte der Mann so viel Freud gemacht, Günderod, er erzählte nur Gewöhnliches aus seinem Leben, von seinen siebzehn Enkeln wie die sich gefreut haben ihn wieder zu sehen; ich frug nach allen, wie alt sie sind, wie sie ausseben; da sind ihm doch die Fünf die Vater und Mutter verloren haben die liebsten, von denen sagte er, „der älteste der gleicht mir, man erkennt ihn schon von weitem für meinen Enkel,u und der Zweite? — „der schlägt ganz nach mir der hat für nichts Sinn wie für die Mathematik und hält sich so apart." — Wie ist J>l Der berühmte Reclitsgelelirte, Bettinas Schwager.