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Ost und West · 1904-10-01 · Heft 10 (Oktober 1904) · p. Seite 705 - 706

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Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 10 (Oktober 1904)
Article
Bettina und die Juden
Date
1904-10-01
Page
Seite 705 - 706 (sequence 5)
Language
German
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705 Dr. Leopold Herschberg: Bettina und die Juden. 706 seinem Sessel und eine Lampe mit vier Lichtern war angezündet auf dem Tisch. Er wollte aufstehen, aber er ist müde. Und wie ist es doch? — ob er wohl heimgeht zu seinen Vätern? — ich brachte ihm zwei Goldstücke für meinen Unterricht, er machte ein kleines Kästchen auf, wo ein Paar Trauringe danliegen und allerlei Schmuck, er sagt es sei von seiner verstorbenen Frau und von seinen Kindern. Er legte die Goldstücke dazu, das alles ist so fein, so edel. Welch ein geistig Gemüt. 0 Ephraim Du gefällst mir unendlich wohl. Ich hatte ihm seinen Rosenstock zurückgebracht, er sollt ihn aufbewahren, die Rosen sind viel mehr aufgeblüht, wie schön standen sie bei der hellen Lampe zu seinem schneeweissen Bart. Ich sagte die Rosen und Euer Bart gehören zusammen und es ist mir lieb dass ich keine abgebrochen habe, denn S. HIRSZENBERG. OELGEMÄLDE. Ihr seid vermählt zusammen mit den Rosen, sie sind Eure Braut. — Er hat mich aber gesegnet wie ich von ihm ging und ich hab' ihm die Hand geküsst. — Als ich wegging vom Ephraim legte er mir die Hand auf den Kopf und sagte: „alles Werden ist für die Zukunft." Und die Schönheit dieses Mannes leuchtete mir da in der letzten Stunde so recht hell auf —.« Bis in ihr spätes Alter hin ist Bettina dem treu geblieben, was sie in der Jugend für recht und edel erkannt. Noch in dem Werke, das sie als betagte Matrone schrieb, „Gespräche mit Dämonen" (Berlin 1852), bringt sie diese Gefühle wiederholt zu treffendstem Ausdruck. Es kann hier nicht unsere Aufgabe sein, alle ihre Auslassungen bis ins kleinste Detail zu verfolgen; möge der Hinweis aui das lesenswerte Buch genügen. Mit wie weitgehendem Blick sie aber das Judentum und das Edle seiner Gebräuche umfasst, das mögen ihre Worte lehren, die sie dem kalten, spintisierenden Primas zuruft: „Der Jude, der bei der Heimkehr am Vorsabbat auf der Hausschwelle die Verachtung abschüttelt von den Tagen des Erwerbs und eingeht zu den Seinen als Priester, der den Segen herabfleht auf ihr Gesamtgebet, zum Gott seiner Väter aufatmend vom Druck der auf ihm und seinem Volk lastet, dessen Gebet sollte nicht ins All der Schöpfung einklingen? und das Christentum ist so sehr verstimmt dass es mit den Misstönen der Verfolgung diese Harmonie mit dem Weltall stört?" DAS „BENSCHERL". Aus dem Jargon über tragen Klein-Benjamin trug gar grosses Verlangen nach dem Gebetbüchlein, das der Lastträger in seinem Korbe gefunden hatte. Denn das Gebetbüchlein hatte einen so prächtigen roten Einband und die Buchstaben auf dem Titelblatte waren ganz goldig — ja sie noch herrlicher als Gold funkelten. Nur verlangte der Lastträger für das Büchlein einen ganzen Gulden — und Klein-Benjamin besass nur ein Viererl. Er hatte sich dieses ehrlich verdient von seiner Mutter und sich gleich vorgenommen, nichts anderes zu kaufen als so ein kleines Gebetbüchlein, in dem das Tischgebet und die vielen schönen Segens- J) Nach einer im „Fraind" erschienenen Skizze. von Josef Winternitz.1) ^r , , Nachdruck verboten. Sprüche über alle Dinge dieser Erde standen — ein „Benscherl*. Der Wahrheit muss man die Ehre geben: der Kleine kannte das ganze Tischgebet auswendig . . . aber — in diesem Gebetbüchlein findet man nicht allein das Tischgebet! Das ganze Glaubensbekenntnis kann man darin so wunderschön lesen und gar so viele Segenssprüche! Dazu ist das Büchlein so zierlich in seinem roten Einbände . . . und ist so niedlich geheftet . . . Und doch kaufte es Klein-Benjamin nur um ein Viererl. — Als er dann heimgekommen war, gab ihm seine Mutter sein Abendbrot: Färberl.

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