Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1904)
- Article
- Bettina und die Juden
- Date
- 1904-10-01
- Page
- Seite 699 - 700 (sequence 2)
- Language
- German
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699 Dr. Leopold llirschberg: Bettina und die Juden. 7CO Helfen, Bilden, Zeichnen, Modellieren." Eine dithyrambisch fortgerissene Mädchennatur — so offenbart sie sich in ihrem Denken, Dichten und — Lieben. Zahllos sind die Schriften über ihre Persönlichkeit und ihre Werke, die in ihrer Vielseitigkeit und philosophischen Tiefe einzigartig dastehen. Das, was in ihnen jeden fühlenden Menschen ergreifen und rühren muss, ist vor allem ihr Mitgefühl für alles Schwache und Unterdrückte. In seiner reinsten, holdesten Form dokumentiert sich dieses Gefühl in ihrer Liebe zu den Tieren. Die zartsinnige Beobachtung der Tierwelt und die daraus notwendig entspringende Tierliebe bildet einen integrierenden Bestandteil ihres Denkens und Empfindens. Der unscheinbarste, kleinste Käfer und die herrlich schmetternde Nachtigall — beide sind ihr als Gottes Geschöpfe gleich wert und lieb. Wie kann es uns nun wundernehmen, dieses edle Mitleid auch auf diejenigen Menschen ausgedehnt zu sehen, die desselben bedürfen? Bekannt ist aus dem Briefwechsel mit Goethe jene schöne Episode, worin sie ihrer Begeisterung für die um ihre Freiheit kämpfenden Tiroler Worte leiht. Sie möchte den von Napoleon Geknechteten selbst die Fahne vortragen und, gleich den edelsten Helden aller Zeiten, ihr Herzblut für sie vergiessen. Während nun jene Stellen einem glühenden Hymnus zu vergleichen sind, möchten wir diejenigen, in welchen sie von dem armen jüdischen Volke spricht, einem lieblichen Idyll vergleichen. Ihre diesbezüglichen Auslassungen sind so einzigartige, so ganz und gar für ihre Zeit fremdartige Erscheinungen, dass es sich verlohnt, etwas länger bei ihnen zu verweilen. Ich möchte mir auch gleich hier von den freundlichen Lesern Verzeihung erbitten, wenn ich ziemlich ausgedehnte wörtliche Zitate bringe; Bettinas Schreibweise ist ihr so ureigentümlich, dass sie bei nicht wörtlicher oder nur bruchstückweiser Niederschrift ebenso viel verliert wie der Schmetterling, den man seines schillernden Flügelstaubes beraubt. Bettina hat zwei Bekanntschaften, eine arme jüdische Stickerin, namens Veilchen, und einen ehrwürdigen, gelehrten Greis, Ephraim. Beiden ist sie innig zugetan, beide nimmt sie vor dem Gespött der ihrigen in Schutz. Rührend klingt das, was sie von dem Veilchen an ihren Bruder Clemens schreibt:1) „Das junge Mädchen was uns sticken lehrt ist eine Jüdin, sie heisst Veilchen, es ist ein recht liebkosender Name und ich fand letzt das erste Sträusschen ihrer Namensvettern zusammen, da ging ich ganz früh zu ihr um sie damit zu überraschen, ich fand sie auf der Treppe mit dem Besen in der Hand, sie war beschämt, ich aber gleich nahm ihr den Besen aus der Hand und sagte, ach lassen Sie mich auch ein bisschen y) Clemens Brentanos Frühlingskranz. Charlottenburg 1844 p. Ki ff. kehren. Da kam so früh schon denn es war noch nicht sieben Uhr der Hofmeister vom Eduard Bethmann vorbei, der musste es der Tante gesagt haben dass er mich vor der Haustür eines Juden auf offener Strasse kehrend fand — ich muss ietzt lachen denn es ist auch recht lächerlich — ich will Dir die derbsten Ausdrücke von der Tante ihrer Mercuriale ersparen, sie meinte nur ich sei verloren, für ein besseres Dasein verloren, ich habe mich gänzlich weggeworfen! Vous n'avez point de pudeur, point de respect humain, on vous trouve balayer la rue main en main avec une juive! ich musste lachen! nein .ich konnte nicht anders.--Ach und wenn Du wüsstest wie hübsch es bei dem lieben Veilchen war! — Da war alles schon so sauber im Stübchen, ein kleiner Kaminherd, auf dem brannte ein Feuerchen, dabei kochte das Frühstück für den Grossvater, der sass dabei und strich seinen langen weissen Bart durch die Finger, Veilchen stickt ein Goldmuster sehr schön in einen rosinfarbenen Sammet, so nennt sie ein sanftes Braunrot in ihrer Judensprache. Die Arbeit ist bestellt und sie bekommt dann viel Geld wenn es fertig sein wird. Sie ernährt ihren Grossvater und zwei seiner Urenkel, die Waisen von dem gestorbenen Bruder, denen ist die Veilchen ganz wie eine Mutter, ich half ihr sticken, es ward recht gut. Alles was mit dem Geld angefangen werden soll! — 20 Louisd'or!: — Da ist soviel zu bestreiten in der Haushaltung, vom Hemd bis auf die Schuhe und Schüsselchen und Töpfchen, und der Herd, der eingefallen ist, und die Ofenplatte geplazt das muss geflickt werden und das Wohnzimmerchen frisch geweisst, wo die Leute eintreten um die Arbeit zu bestellen. Veilchen ist von der Gattung Mädchen die einen Nelkentopf vor ihrem Fenster pflegen und Absenker machen und endlich einen ganzen Flor daraus ziehen, die auch wohl ein Myrtenbäumchen zur Blüte bringen, aber keine Kränzchen daraus winden. Es wäre auch schade, meinte sie heute morgen und lächelte. — Wir waren so vergnügt zusammen beim Sticken, wenn sie solche Hilfe hätte meinte sie dann würden die Sorgen ihr nicht so leicht über den Kopf wachsen; ich bat sie dass sie mich alle frühmorgen mit soll sticken lassen, dann wird's gewiss acht Tage früher fertig. — Und sollt ich's heimlich tun das wirst Du mir nicht erlauben, und sollt ich's gar unterlassen? das will ich nicht. Mein Wort brechen, einem Mädchen, was seinen Grossvater ernährt und seine Geschwisterkinder? — sie weiss nichts davon zum Tanze zu gehen oder schön geputzt in Kleidern auf den Freier zu warten. Und ich wollte da ein kleines unschuldiges Fädchen anspinnen ins Gewebe der Welt, ein einzig klein Fädchen, und — nein, ich soll's abreissen weil sich's nicht schickt. Ach! wo soll ich in der ereignisvollen Welt meinen Faden anknüpfen wenn das Einfachste gegen den Anstand ist! — Wer hat diese Lügen gemacht? —" Die ganze grosse Seele Bettinas, die feind ist