Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1904)
- Article
- Gerhart Hauptmanns "Hirtenlied"
- Date
- 1904-10-01
- Page
- Seite 695 - 696 (sequence 3)
- Language
- German
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•695 Bernh.. Müqz: Gerhart Hauptmanns „Hirtenlied" 696 dass die ganze Natur sich vor ihr demütig neigte, ■dass, wer sie sah, vor Gott anbetend, stammelnd, ganz zerknirscht in den Staub sank. Das Traumspiel ist reizend, die einfache, herzberückende, hoheitsvolle und ungesucht bilderreiche Sprache des Buches der Bücher klingt in ihm durch. Der jungfräuliche Schmelz des Morgenlandes ist hingegossen über die Hirten, wie sie auf des Engels Frage nach Raheis Befinden antworten, kein Füllen sei so wild und so gesund in Labans Herden, über Rahel, wie ■sie dem Künstler, der darüber verwundert ist, dass Laban und die Seinen in Zelten wohnen, stolz erklärt, dass der Vater unermesslich reich sei und so weit man in dreissig Tagen wandern mag, alles Land sein eigen nenne, dass sie wegen der Nahrung der ungezählten Menge von Kamelen, Schafen und Eseln, Rindern und Ziegen ein No madenleben führen, und sie sei Labans Tochter; wie sie ihrer Schwester Lea die Wahrheit vorenthält, damit sie nicht komme und den Fremdling erblicke, bevor er sich zu ihr ausgesprochen, ihr mitgeteilt, was er ihrem Herzen gewähren kann; wie sie ihm suggeriert, er sei Jakob, der Sohn des grossen Erzvaters Isaak und ihrer Tante Rebekka, und sie erkenne ihn an folgendem: „Ich lag am Feuer Am hellen Mittag, einsam bei den Schafen, Da kam es über mich, dass ich den Gürtel, Womit ich meinen Leib gegürtet, nahm Und ihn ins Feuer warf. Er ward verzehret. Und wie der grade Rauch gen Himmel quoll, Sprach ich zu unserem Gotte: Herr und Gott! Wenn einer kommt, ein Mann allein, und mir Den Felsen von dem grossen Wasserbrunnen — Und ungebeten — wälzt, so sei es Jakob!" Im zweiten Akte werden grosse Vorbereitungen zur Feier des Tages getroffen, an dem Rahel •vor sieben Jahren Jakob dem Vater zugeführt hatte. Laban hatte ihn damals inmitten seines Volkes festlich wie einen Fürsten empfangen. Drei Tage hörte das Opfern und Schmausen nicht auf, und es schien, als sollten Spiel und Tanz und der Jubelklang der Harfen kein Ende finden. Laban ist seither ein Greis geworden; weiss ist sein Scheitel, weisser noch als Silber sein Bart. Er sehnt sich, mit Jakob, dem seine Seele von Anbeginn geneigt war, wieder fröhlich zu sein und die Hochzeit Jakobs und Leas zu feiern. Rahel erschrickt nicht darüber, sie stellt sich, als •ob sie des Vaters letzte Worte nicht gehört hätte, und sagt mit einem Anfluge von Schalkhaftigkeit: „Ei nun, so lass auch mich beim Feste sein, Ich habe bunte Röcke mir gewebt, Und Jakob, der dir sieben Jahre dient Um meinetwillen, wird dir's danken. Vater! O lass mich jauchzen! Mein ist Jakob, mein! Und weil er mein ist, will ich opfern, will Mein schwarzes, schweres Haar, so lang es ist, Dir auf den Altar legen; Kleider, Schuhe, Mein Lieblingslamm, den Stier, kurz, was du willst." Und da der Vater einwendet, ob Lea denn verschmachten solle, sie verbringe ihre Tage mit Seufzen, weigere sich, Speise und Trank zu sich zu nehmen, ihre runden Wangen seien verfallen, ihre Augen ohne Glanz, sie verwelke vor der Zeit, wie Gras im Sommer, sie sieche gleich dem Weinstock hin, wenn Frost ihn in der Blüte trifft, gibt sie ihm zu bedenken, die Selbstlosigkeit sei an bestimmte Grenzen gebunden, die man nicht ungestraft überschreiten dürfe; Lea betrüge zudem sich selbst, und wer ihr den Geliebten raube, der betrüge auch den, um den er sie betrogen, Jakob. Laban entgegnet streng, Jakob sei niemandes Eigentum, er sei zum Herrschen geboren; keines Weibes Gürtel, auch Raheis nicht, könne ihn binden, dass er „liege, wie ein Farren, beschickt zum Opfer": „Blind war dein Auge, wenn du nicht erkanntest, Was doch am Tag ist, unwert Jakobs. Geh! Geh zu den Jägern. Lass in einen Käfig Dir einen Adler sperren, Närrin du! Und achte, bis er dir zum Spotte wird: Dann komm und sprich von Jakob." Er bescheidet nun Lea zu sich und fordert sie auf, ihm ihren geheimsten Herzenswunsch mitzuteilen, der ihr unerfüllbar erscheinen mag, und den sie dennoch mit einer Glut wünscht, die jeden anderen Wunsch in ihr verzehrt; denn seine Macht sei gross und er könne viel gewähren. Sie bittet ihn, er möge sie weit, weit von hier zu den Weiden unten an den Flüssen senden. Als er ihr hieraui eröffnet, dass davon keine Rede sein könne, dass sie, nicht Rahel, morgen, wenn das laute Fest erstirbt, die Kränze von dem Kopf der Zecher fallen und Mond und Sterne klar die laue Nacht regieren, an Jakobs Seite ruhen werde, wankt sie, und ihrer gepressten Brust entringt sich der mitleidige Ruf: O Rahel! Arme Rahel! Sie fasst sich erst, als der Vater erklärt, dass auch Raheis Becher mit Honig gefüllt in seinem Hause bereit stehe.