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Ost und West · 1904-10-01 · Heft 10 (Oktober 1904) · p. Seite 697 - 698

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 10 (Oktober 1904)
Article
Gerhart Hauptmanns "Hirtenlied"
Date
1904-10-01
Page
Seite 697 - 698 (sequence 4)
Language
German
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697 Eernh Münz: Gerhart Hauptmanns „Hirtenlied" 698 Indessen ist auch Jakob mit sich einig geworden, sich nicht eher seines Lebens zu freuen, als bis er Laban frei ins Angesicht bekannte, was ihn bewegt. In der entscheidenden Stunde zerschmilzt ihm aber der Mut. Die gütigen Worte Labans, die ihm „wie aus der Seele Isaaks" heraufklingen, geben ihm jedoch wieder den Mut zu der Werbung: r........... Ich bin ein Bettler. Von dir beschenkt mit sieben Seligkeiten: Den sieben Jahren, die ich dir gedient — Um Rahel: denn du setztest Rahel mir, Dein einiges Kind, in unbegriffener Güte Zum Lohn für meine sieben Seligkeiten: Zum Lohn für Lohn — o gib mir Rahel, Herr. Ich habe nie gedient und nichts verdient! Unwürdig bin ich deiner ganz und gar! Staub bin ich! Dein Geschöpf! Ein Narr und Nichts! Doch gib mir Rahel, gib mir Rahel, Vater!" Laban widerstrebt es, zwischen den Mann, der es ihm gleich im ersten Augenblicke angetan hatte, und sein liebstes Kind zu treten, und so antwortet er ihm hochsinnig und sich selbst überwindend : rDu weisst, wer Rahel ist? Sie gleicht dem Sterne, Der, auserlesen, zwischen meinen Herden Uns alle überflammt. Du bittest viel. Die Kinder Gottes harren aus der Ferne. Wenn sie vorübergeht, bis sie sich neigt, Und Cherubime senken ihre Augen. Gott schuf in allen seinen Himmeln nichts, Das so glückselig könnte sein, als sie: Und alle seine Süsse ruht beschlossen In dieses Kindes Schoss — doch — nimm es hin!'' Schon aus diesen sinnigen, glänzenden Proben erhellt, wie jammerschade es ist, dass das „Hirtenlied" ein Fragment geblieben ist. BETTINA UND DIE JUDEN. Von Dr. Le.opold Hirschberg (Berlin). „ , , , ° Nachdruck verboten. „Betet dieses Kind an, denn der Himmel ist in lichem Aerger erfüllten Gemüt, als die Frankfurter Juden ihm," so ruft Ludwig Börne in seiner berühmten Bürgerrechte forderten. Dem fanatischen Börne ist Kritik über das seltsamste aller Bücher, „Goethes Brief- Goethe hier nichts weiter als der Repräsentant derwechsel mit einem Kinde", aus. Unauslöschlicher Groll jenigen Kaste, welche es auf immer weitere Unterlebte in seinem Herzen, wütender Zorn über die schmachvolle Verachtung, mit der in seiner Heimat, der freien Reichsstadt Frankfurt, die Juden behandelt wurden. Der „Juil de Francfort", welchen ihm ein frecher Polizei- Kommissarius in seinen Pass geschrieben hatte, blieb ihm ein nie versiegender Quell, aus dem ■er immer wieder Nahrung saugte zu seinem Hass wider die Unterdrücker. Und nun naht ihm Bettina — sie ist das Kind, in welchem er die personifizierte Vergeltung erblickt — als Rachefurie. Ohne es zu wollen, zeigt sie den von Weihrauchwolken umflossenen Goethe auch einmal von seiner kleinlichen Seite, in seinem von ängst- Bettina. drückung der schon über alle Massen Geknechteten abgesehen hat. Bettina Brentano, die Schwester des Dichters Clemens Brentano, die Tochter von Goethes Jugendliebe Maximiliane La Roche, die spätere Gattin des Königs der Romantiker,Ludwig Achim von Arnim, ist ohne Zweifel eine der merkwürdigsten und anziehendsten Frauengestalten aus der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts. „Glühend und genial14 lautet die kurze treffende Charakteristik einer Zeitgenossin; ihr Bruder selbst bezeichnet sie als das „grossartigste, reichstbegabte, einfachste, krauseste Geschöpf" mit ihrem „Reden, Singen, Urteilen, Scherzen, Fühlen,

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