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Ost und West · 1904-10-01 · Heft 10 (Oktober 1904) · p. Seite 693 - 694

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Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 10 (Oktober 1904)
Article
Gerhart Hauptmanns "Hirtenlied"
Date
1904-10-01
Page
Seite 693 - 694 (sequence 2)
Language
German
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693 Bernh. Münz: Gerhart Hauptmanns „Hirtenlied". 694 „Das Brot, das in dem Kot der Strasse liegt, Ist mir zum Ekel. Bücke sich, wer will, Es aufzuheben. Weiss mir Gott im Himmel Nicht reinere Speise, meid' ich seinen Tisch." Er sehnt sich mit allen Fibern und Fasern seiner Seele aus der Stadt der Schmerzen, aus dem Jammertale, in dem der eine, gleiche Schrei gehetzter Kreatur stets an sein Ohr dringt und ihn nicht wachend, noch schlafend zur Ruhe kommen lässt, nach der fernen Heimat zurück, in der der goldene, beglückende Friede kein altes, totes Wort ist, das nicht mehr gilt. Es zieht ihn mit unstillbarem Verlangen in das Reich des Frühlings, das Land der Jugend und der Freiheit. Dann, aber nur dann will er dem Engel folgen, wenn er ihn in dieses selige, idyllische Land zu entführen gelobt. Doch zweifelt er daran, dass es ihm trotz alles Suchens je gelingen werde, ihm den Frieden zu bringen: „.........Vergebens gehst du aus: Du wirst nicht auf dem Markt, nicht in den Gassen, Nicht in den Kirchen, noch in den Palästen Die weisse Taube finden, die du suchst." Und da er sich endlich auf das Zureden des Engels anschickt, in die dargebotene Hand eino 7 o zuschlagen, hält er plötzlich ein. Er kann sich nicht entschliessen, die Schwelle seines Arbeitsraumes zu überschreiten; sein Lebenswerk, das Bild der himmelssüssen Rahel, die ihm einst in ihrer vollen Schöne im Traume erschienen und um deren Schatten, ja um deren Schattens Schatten er länger als Jakob, dreimal sieben Jahre hoffnungslos dient, bannt ihn an seine Staffelei. Tiefsinnig entgegnet ihm der Engel: „Um Rahel dient ihr alle!! Ja, so ist's! Um Raheis Schatten. — Dieser Zeiten Sturm Und Krieg ist Krieg und Sturm um ihretwillen. Doch Raheis Schatten flieht, indes sie kämpfen: Er flieht und flieht! Betrogner! folge mir! Worum du harrst und harrst, das ist nicht hier. Ich aber führe dich ins Land der Träume, Der bunten Wolken, deren Mutterschoss Allein uns geben kann, wonach wir schmachten." Davon will der Künstler jedoch nichts wissen. Mit Träumen ward er schon genug beschenkt, er will ins Helle, ins klare Sonnenlicht des frischen Tages schauen, er verlangt jenes ganze Sein, das keines Traums bedarf. Der Engel schilt ihn einen Toren, denn das, was er begehrt, heisst Tod, und lässt ihn wie Adam, da Gott ihm eine Rippe nahm, aus der er Eva bildete, in einen tiefen Schlaf verfallen. Holdselige, patriarchalische Träume umgaukeln ihn, in denen er unter den einfältigen Hirten Mesopotamiens das Leben Jakobs lebt, der sieben Jahre um Rahel diente, die ein solches Wunderwerk der Schöpfung war, SAMUEL HIRSZENBERG. VILLA BORGHESE IX ROM (Oelskizze).

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