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Ost und West · 1904-10-01 · Heft 10 (Oktober 1904) · p. Seite 689 - 690

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Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 10 (Oktober 1904)
Article
Koriander, der Chasan
Date
1904-10-01
Page
Seite 689 - 690 (sequence 2)
Language
German
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689 H. York-Steiner: Koriander, der Chasan. 690 Lebele Althaus, ein bekannter Geizhals, nahm sich vor, einen „Gast", das ist, einen reisenden Bettler zum Nachtessen mit heimzunehmen. Roth-Singer, der gewöhnlich zum Aergernis der Frommen der Gemeinde am Samstag Getreide verladen Hess, überlegte, ob er es nicht dieses Mal unterlassen sollte. Adolf Feldhauer, der Lohnkutscher, der stets wegen seiner Kultussteuer mit dem Gemeindevorstand in Streit war, wollte bald und vollständig zahlen, und Koudelka, der alte Bassist, weinte Freudentränen, am liebsten hätte er „zugestimmt", das heisst, den Gesang des Kantors wie einst zusammen mit den Sängerknaben begleitet. Aber er war nunmehr ein gebrechlicher Greis, und die Knaben hatten mutiert. Ausserdem wollte Koriander allein singen — er wollte ganz persönlich und ungestört beten — bekennen — jauchzen — weinen —. Wer kann da sagen, was er wollte? ... Es war von allem in diesen hinreissenden Tönen, und die Gemeinde betete, bekannte, weinte und jauchzte mit ihm. Bei der letzten Strophe wendete er sich mit dem Gesicht zur Eingangstür; da konnten ihn alle sehen und die Töne von seinen Lippen trinken. „Er ist sehr blass," flüsterte Frau Gutspächter Blau ihrer Nachbarin zu. In der Tat, das Gesicht des schlanken Mannes war bleich, voll seltsamer Erregung. „Früher hat er einen Bart getragen, jetzt hat er nur einen Schnurrbart", gab die Nachbarin zur Antwort, „darum scheint das Gesicht gar so blass." „Komme im Frieden, o holde Braut," flehte die rührende Stimme. Dann verbeugte sich der Sänger zweimal. „Komme» o Braut — komme, o Braut." Die Prinzessin Sabbat hatte die Schwelle ihres Palastes überschritten. Der feierliche Ruhetag war eingezogen, Friede kam in alle Herzen .... Jubelnd erklang der Psalm „Gesang zu Ehren des Sabbattages". Auch hier hatte Koriander eine alte, sogenannte polnische Melodie gewählt, oder richtiger eine Melodienfolge. Aus einem breit hinfliessenden Rezitativ stieg ein Jauchzen auf, ein Jubilieren — ein Raketenschwarm von Trillern und Fiorituren — chasonische Bravourstücke zu Ehren der Königin Sabbat. Aber all diese Kadenzen waren von einem Hauch echter Künstlerschaft durchzogen, die Rezitative von tiefer Empfindung getragen. Die Hörer sassen gebannt und lauschten voll Ergriffenheit .... Noch ein Aufschrei erfüllte den Raum, ein Gleiten und AVogen von schwellenden Tönen, und mit den Worten „Adonai für ewige Zeiten" schloss der Psalm. Der Sänger stieg von der Estrade und ging zum Vorbeterpult an der rechten Seite des heiligen Schrankes, der die Thorarollen enthält. Da flog es wie ein Rauschen auf in den heiligen Hallen, und jeder hatte seinem Nachbar etwas mitzuteilen, und keiner wusste recht, was er sagen sollte. Reb Eisik Steiner und Reb Hersch-Loeb Sinnreich, SAMUEL IIIRSZENBERG. „Ein Stückchen Politik." KUXSTV. PHÖNIX, BERLIN" NW. 23.

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