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Ost und West · 1904-10-01 · Heft 10 (Oktober 1904) · p. Seite 691 - 692

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Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 10 (Oktober 1904)
Article
Koriander, der Chasan
Date
1904-10-01
Page
Seite 691 - 692 (sequence 3)
Language
German
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691 H. York-Steiner: Koriander, der Chasan. 692 die Bai tefelim, die Amateur-Vorbeter, die an hohen Feiertagen aushelfen durften, schüttelten vor Verwunderung die Häupter,nickten sich gegenseitig zu und schnalzten vor Behagen mit den Zungen — sie waren ja Fachkenner — und Petersilka, der zweite Rabbinatsassessor, wollte das Schehechijonu sagen, Gott danken, dass er ihn dieses Fest hatte erleben lassen. Er unterliess das schliesslich, weil er einige rituelle Bedenken hatte, die nur an Hand seiner Talmudfolianten zu stillen waren. Auf der Frauengalerie kamen die Tüchlein in Bewegung, und die Zünglein regten sich. Wie Orgelton erklang nun die Einleitung zum Maariv, dem Abendgebet. „Gelobt sei der Herr, der S. IIIRSZEXBERG. Bildnis der Frau Ther. Silberstein. gebenedeite" — so würdig, so voll verhaltener Innigkeit, voll Kraft und Glanz, dass wieder tiefes Schweigen den Raum beherrschte. ----Am nächsten Tag sang Koriander nicht. Dieses Mal waren die Juden mit Frauen und Kindern aus der ganzen Umgebung in solcher Anzahl gekommen, wie dies nur an den hohen Feiertagen der Fall ist; aber Koriander sass elegant gekleidet auf seinem Platze mitten im Auditorium und rührte sich nicht. Nun wurde die Begebenheit noch rätselhafter. Da er zum Sabbatgottesdienst zu Mussaf nicht sang, konnte er auch keine wie immer geartete Entlohnung erwarten. Wenn er Sonntag „herumgegangen" wäre, er hätte ein schönes Stück Geld eingeheimst. Aber er nahm und verlangte nichts; er zahlte am Sabbatausgang seine Zeche, empfahl sich von den besten Freunden, mietete einen Wagen, der ihn nach der vier Wegstunden entfernten Bahnstation bringen sollte, und fuhr davon. Er war von jeher in sich gekehrter und schweigsamer Art, fast ungelenk mit der Sprache. Man fragte ihn viel, aber er antwortete wenig oder gar nicht. Er hatte versprochen, wiederzukommen; man nahm das iür eine Redensart. Man wusste auch nicht genau, wo er als Sänger wirkte; jedenfalls lag die Residenz, in der er engagiert war, sehr weit weg, draussen in Deutschland, und die heimischen Zeitungen berichteten nie über jenes Theater. Koriander war für die Leute von Tamnitz wieder untergetaucht. Aber man hatte eine neue Zeitrechnung in der kleinen Judengemeinde, man zählte von damals, „wie Koriander gesungen hat". (Fortsetzung folgt.) GERHART HAUPTMANNS „HIRTENLIED". Von Bern Ii. Münz, Hauptmann hat in dem Januar-Heft der „Neuen Rundschau" (Berlin, S. Fischers Verlag) eine leider unvollendete Dichtung aus dem Jahre 1898 veröffentlicht. „Das Hirtenlied" betitelt sie sich. Sie ist ein gellender Protest gegen die Kunst, die durch abgelegene Gassen schleicht, in Keller kriecht, die nach Fusel duften, in einer Atmosphäre von Gestank und verdorbenen Dünsten webt. Dreimal Wehe ruft sie über die Pseudokünstler, die sich ihre Motive aus den Regionen holen, wo die Pest des Lasters ewig frisst, Verworfenheit Gott schändet, wo der Mensch, ein viehisch Zerrbild, sich im Schlamme wälzt. Ein armer Künstler liegt vor Hunger fiebernd auf dem Ruhebette seines Arbeitsraumes, allein, Xachdruck verboten. . vergessen unter Staub und altem Gerümpel. Seitdem ihn die Muse wach geküsst, hat er dem Gotte in seiner Brust treu gedient, die reine Flamme der heiligen Begeisterung ihm rein bewahrt. "Wie sollte er jedoch inmitten der wüsten Gärung, in der sich die Gesellschaft und die Kunst befinden, für die Dauer Brot und Anklang finden, wie in dem von giftigen Dämpfen geschwängerten grossen Babel Anregung zu idealem, lichtfreudigem Schaffen empfangen! Zum Renegatentum fühlt er aber durchaus kein Talent in sich, er kann sich nie und nimmer dazu verstehen, seinen Genius mit „Talg von Schweinen" zu nähren. Ein Engel des Herrn erscheint vor ihm, um ihn aus seiner Untätigkeit aufzurütteln, er weist ihn aber von sich mit den Worten:

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