Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1904)
- Article
- Koriander, der Chasan
- Date
- 1904-10-01
- Page
- Seite 687 - 688 (sequence 1)
- Language
- German
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687 6S8 KORIANDER, DER CHASAN. Von H. York-Steiner. Nachdruck verboten. Es war Freitag nachmittag zu jener Zwitterstunde, die nicht mehr Werkeltag ist und noch nicht dem Sabbat gehört. Der Duft kräftiger Suppen, vermengt mit dem Geruch gesottener Karpfen drang aus den offenen Küchentüren. Die Männer ordneten eilig die Waren in ihren Läden für die vierundzwanzigstündige Geschäftssperre, die Frauen wühlten im Wäscheschrank, die Mägde putzten noch rasch die Sabbatlampen, und die Kinder wunderten sich über ihre weiss gewaschenen Hände und blanken Hemden. Und ganz plötzlich kam eine höchst sonderbare Nachricht mitten in die Sabbatvorbereitungen. Koriander, Chaskel Koriander wird heute abend singen — in der Synagoge singen. Die Nachricht wurde beglaubigt, Salme Liebermann, der Tempeldiener, bestätigte sie jedem, der es wissen wollte. Da warfen die Männer die Waren in die Ecke, die Frauen liessen den Wäscheschrank im Stich und nahmen das Schabbeskleid zur Hand, die Mägde fanden, dass die Lampen gerade blank genug seien, und die Kinder schrieen: „Ich geh' mit, ich geh' mit!" Und sie gingen alle mit. Das war ein denkwürdiger Freitag zur Nacht. Fast wäre kein Mensch daheim geblieben, Haus und Herd zu bewahren. Sogar aus den umliegenden Dörfern kamen die Gemeindemitglieder in die Synagoge, aus Szotina, Czacsov und gar aus Kiunova, das doch eine Stunde weit im Weingebirge liegt. Freilich, wer hätte gedacht, je im Leben wieder Koriander singen zu hören? Er hatte in Tamnitz seine Laufbahn als Chasan begonnen, mit seiner jugendfrischen Stimme alle Welt derart bezaubert, dass man sich weiter gar nicht wunderte, als er den Kantorentalar auszog, nach der Residenz ins Konservatorium kam und endlich in einem deutschen Hoftheater als Opernsänger engagiert wurde. Während einiger Jahre hatten sie in Tamnitz keinen Nachfolger für ihn aufgenommen. Es meldeten sich der Kantoren genug, sie sangen auch zur Probe — aber den Leuten lag die süsse schmelzende, verführerisch schöne Stimme Korianders im Ohr, so dass ihnen kein anderer Chasan gefallen konnte. Herr Mandl, der Gemeindesekretär und Schames, leitete den Gottesdienst ohne Prätension und ohne Stimme. Auch an diesem denkwürdigen Freitag betete er das „Mincha" vor, während sich die Bänke recht geräuschvoll füllten. Es war auch whklich gar nicht zu verstehen, dass Koriander, der aufstrebende Opernsänger, der sagenhafte Kantor der kleinen Judengemeinde, plötzlich dastand und zur Ehre Gottes singen sollte. „Hat er denn die Stimm' verloren?" Irug Roth-Singer, der skeptische Getreidehändler. Nein, Koriander hatte seine Stimme nicht verloren. Er stand auf dem Almeimor in seinem dunklen Ornat, wartete das letzte Kadisch nach dem Mincha- H. York-Steiner. Gebete ab und intonierte das Lecho daudi, das Gedicht zum Willkomm der bräutlichen Prinzessin Sabbat. Das war die alte liebe Stimme, der einschmeichelnde Wohllaut, der süsse Zauber, der von allen irdischen Sorgen ablenkte und die Seele in reine Höhen entführte — die liebe alte Stimme. Nur dass sie nicht so elegisch klang wie vor Jahren; es tönte etwas Verführerisches, Selbstbewusstes, sieghaft Jauchzendes aus seinem Sang. Und sonderbar — er hatte doch viele Jahre die Kunstmusik geübt — man hätte meinen sollen, er würde modern choralisch singen, aber er hatte einen sogenannten chasonischen Lecho daudi gewählt, eine uralte Melodie voll wehmütiger Freude, einen seltsamen Sang, der aus uralter Zeit stammen mochte, den niemand aufgeschrieben hatte, der vielmehr von einer Generation der anderen übermittelt wurde. Das Lecho daudi ist ein Strophenlied mit Refrain. In manchen dieser Kompositionen schliesst der Refrain: „Komm', o komm' der Sabbatbraut entgegen" immer in derselben Melodie. Was Koriander sang, hatte den Refrain durchkomponiert, so dass allen das ganze Stück stets neu erschien. Sie hätten vielleicht auch ohnedies atemlos gelauscht, denn die Stimme des Vortragenden zog siegreich durch die Ohren in die Herzen der Hörer, die regungslos sassen und kaum wussten, wie ihnen geschah.