Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1904)
- Article
- Assimilation
- Date
- 1904-10-01
- Page
- Seite 645 - 646 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2583875-2583918-2583928-2590740--04345-2590826- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
645 Assimilation. 646 SAMUEL HIRSZENBERG. Bedingung des sozialen wie des physiologischen Assimilationsprozesses die — sagen wir es schlicht heraus — Appetitlichkeit des zu assimilierenden Gegenstandes ist. Ebensowenig wie — um ein triviales Küchenbeispiel zu gebrauchen — eine in der Verwesung begriffene Rehkeule Hoffnung hat, je im Magen eines wackeren Jägersmanns einen ehrenvollen Untergang zu finden und sich seinem respektablen Organismus assimilieren zu dürfen, ebensowenig hat ein an seiner eigenen Auflösung arbeitender Volksstamm, der alle Merkmale der Selbstzersetzung aufweist, Aussicht, jemals von einer gesunden, überlegenen Nation aufgesogen zu werden. Gesund wie die Nahrung, die ein gesunder Mensch zu sich nehmen soll, muss ein Volkstum sein, wenn es einen kraftvollen Volksorganismus zur Assimilierung — zur Aufsaugung — reizen soll. Das erste Merkmal der Gesundheit ist aber das normale Funktionieren des Selbsterhaltungstriebes, der sich seinerseits gegen den Assimilationsprozess energisch zur Wehr setzt und das eigene Leben mit allen Mitteln zu verlängern strebt. Es klingt paradox und ist doch buchstäblich wahr: nur diejenigen kleinenStämme haben Aussicht, von grösseren und überlegenen Volksorganismen aufgesogen — assimiliert O O — zu werden, die im Gefühl ihrer Gesundheit und ihrer Existenzberechtigung sich gegen diese Assimilation verteidigen. Ist dieses Gefühl bei ihnen geschwunden, so wendet sich der absorbierende Organismus vornehm ab, etwa wie der Löwe in der Wüste von einem verwesenden Kadaver. Der Assimilationsprozess ist demnach stets ein Kampf, bestehend aus Angriff und Verteidigung, ein Kampf, der in brutalen und erbitterten Formen, wie in Europa, oder in milden und schmerzlosen, wie in Amerika, geführt werden kann, aber immer ein Kampf. Wir stehen also vor einem circulus vitiosus: die Forderung, dass die Juden sich den Völkern, unter denen sie wohnen, assimilieren, hat keinen Sinn, weil sie ihnen eine Funktion zumutet, die nach dem Gesetz der Natur den Völkern obliegen würde — wenn diese Funktion hier überhaupt in Betracht käme. — Praktisch jedoch läuft diese Forderung darauf hinaus, dass die Juden an ihrer Selbstzersetzung arbeiten, dass „SOLL WARTEN"