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Ost und West · 1904-10-01 · Heft 10 (Oktober 1904) · p. Seite 643 - 644

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Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 10 (Oktober 1904)
Article
Assimilation
Date
1904-10-01
Page
Seite 643 - 644 (sequence 2)
Language
German
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643 Assimilation. 644 Ausfall an Volkskraft infolge geringerer Bevölkerungszunahme wettzumachen; mit einem Worte; das — mit Recht oder mit Unrecht — als Notwendigkeit "empfundene Bestreben, das fremde Volkstum zu absorbieren und dem eigenen Volkskörper einzuverleiben. Der „gute Magen*' äussert sich vorwiegend in höherer Kultur, in numerischer Uebeiiegenheit, in politischer Uebermacht, in älterer Tradition, in verfeinerten Sitten und dergl. Dies sind sozusagen die chemischen Agentien, die Säuren, die beim ZerlegungsundAufsaugungsprozess in Kraft treten. Es hätte nun einen logischen Sinn — wenigstens einen solchen —, wenn einer den Völkern, unter denen die Juden wohnen, zuriefe: Assimiliert sie! saugt sie auf, lasst sie als gesonderten Organismus vom Erdboden verschwinden!" Was soll es aber heissen, wenn man die Juden auffordert, sie sollen sich assimilieren? Ist das nicht etwa so, wie wenn einer — um bei der Analogie zu bleiben — einem Rebhuhn oder einer Hirschkeule zuriefe: ,,Assimiliere dich doch dem Organismus des Jägers! Verwandle dich in seinen Leib, löse dich in deine Bestandteile auf und werde zu einem Teil seines Muskelgewebes, seiner Blutkügelchen, seiner Nervensubstanz, des Marks seiner Knochen!" Ja, wie sollen sie denn das anstellen? Ist es nicht Sache des Jägersmannes, da der angreifende und ausführende Teil zu sein? Und wenn Rebhuhn und Hirschkeule vor ihm unversehrt daliegen, ist das nicht ein Beweis, dass er sie sich zu assimilieren entweder nicht die Kraft oder nicht den Willen hat, dass es ihm also an Appetit oder an einem gesunden, guten Magen gebricht — was übrigens meist ein und dasselbe ist? Es leuchtet also ein, dass, wer die Juden auffordert ,,sich zu assimilieren", zum mindesten sich an die falsche Adresse wendet. Doch schliesst das natürlich nicht aus, dass das Schlagwort Gehör findet. Sehen wir zu, was dabei herauskommt. Wir haben oben dargelegt, dass dem eigentlichen Assimilationsprozess im physiologischen Sinne ein Zersetzungsprozess vorausgeht. Dasselbe geschieht auch beim sozialen Assimilationsprozess. Und es bedarf keines näheren Hinweises, dass dieser Zersetzungsprozess da wie dort keinen besonders erquicklichen Anblick darbietet. (Auf physiologischem Gebiete hat er jedoch den Vorteil für sich, dass er, unter normalen Umständen, sich dem Auge und dem Bewusstsein des Menschen entzieht.) Ist nun ein Volksorganismus auch keineswegs imstande, den passiven Assimilationsprozess an sich zu vollziehen und seine Auflösung in einem anderen Volksorganismus durchzuführen, so kann er doch wenigstens den vorausgehenden Zersetzungsprozess mindestens einleiten und fördern. Er kann sich freiwillig in einen künstlichen Verwesungs- und Fäulniszustand versetzen. Er kann aufhören, sein eigenes inneres Leben zu entwickeln, die ererbten Tugenden zu entfalten, die geistige Tradition, den seelischen Zusammenhang mit der Vergangenheit zu pflegen und aus der angehäuften Erfahrung der Generationen zu schöpfen. Er muss in der Folge, zum Ersatz für das untergrabene eigene Leben, ein fremdes Scheinleben bei sich etablieren. Er muss die anderen äusserlich nachäffen. Er wird die Fähigkeit verlieren, von aussen Ideen und Formen mit gesundem, wählerischem Sinn in sich aufzunehmen und organisch auf eigene Basis zu verarbeiten, denn die eigene Basis wird ja zerstört, der natürliche Lebenssinn unterbunden. Mit dem Verfall der eigenen Ueberlieferung und der historisch gewordenen Lebensformen und Gesinnungen geht ein hohles, inhaltsleeres Nachahmen fremder Werte Hand in Hand, welches dem Aussenstehenden einen gespenstischen, spukhaften, widerwärtigen Eindruck macht —- am stärksten dem, der nachgeahmt wird. Da die eigenen Gewänder, verwahrlost, in Fetzen vom Leibe fallen, hüllt man sich in fremde Lumpen, die man aufs Geratewohl zusammenliest, desto eifriger, je bunter und auffälliger sie sind. Es wäre jedoch ein grosser Irrtum, zu glauben, dass dieser Selbstzersetzungsprozess, und wäre er noch so gründlich durchgeführt, den Prozess der Assimilation beschleunigen oder auch nur fördern würde. Im Gegenteil, er hält ihn nur noch auf. Wenn schon ein in der Zersetzung begriffener Organismus dem menschlichen Auge ein unerquickliches Schauspiel darbietet, so gilt dies in einem noch höheren Masse von einem Volkstum, das an seiner Selbstzersetzung, an seiner Selbstauflösung arbeitet. Nicht nur dem denkenden und tiefer blickenden Menschen, sondern auch dem einfachen Mann flösst ein solcher Anblick bisweilen einen bis zum Ekel gesteigerten Widerwillen ein, und er wendet sich instinktiv davon ab. Wir haben aber gesehen, dass die erste

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