Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1904)
- Article
- Assimilation
- Date
- 1904-10-01
- Page
- Seite 647 - 648 (sequence 4)
- Language
- German
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647 Assimilation. 648 sie ihre Volksseele vertilgen, ihr Eigenleben auslöschen und die Umwelt äusserlich nachäffen mögen. Solches Beginnen ist jedoch weit davon entfernt, den Prozess der Assimilation, wenn eine solche auch möglich und erwünscht wäre, zu fördern, sondern ist viel eher dazu geeignet, ihn zu hemmen. Ist nicht eine der stärksten psychologischen Triebfedern des gesellschaftlichen Antisemitismus in Deutschland und Oesterreich die Reaktion gegen die aufdringliche .Liebeswerbung und unwürdige Selbstverachtung gewisser jüdischer Kreise gewesen? Doch hier muss die Grundfrage aufgeworfen werden: ist die Assimilation der Juden überhaupt wünschenswert und möglich? Wünschenswert? Die Frage ist leicht zu entscheiden. Seit etwa zweitausend Jahren ist es unbequem, sehr unbequem, Jude zu sein. Vom Gesichtspunkte der Bequemlichkeit war es also für viele, sehr viele Juden zu allen Zeiten sehr wünschenswert, dass das Judentum zu existieren aufhöre. Sie fielen also ab, wie die welken Blätter, wie die wurmstichigen Früchte. Aber hat je welkes Laub und Fallobst die Existenz .eines Baumstammes in Frage gestellt? Für alle, denen die Bequemlichkeit die einzige Religion, ist es wünschenswert, dass das Judentum aufhöre. Es scheint jedoch, dass die Bequemlichkeit die einzige Religion nur der Wenigen und nicht der Allerbesten ist. Wäre es anders, das Judentum wäre längst schon vom Erdboden verschwunden. Nur folgen diejenigen unter ihnen, die robusten Gewissens sind, ohne viel Raisonnement dem Geheiss ihrer materiellen Interessen, verlassen stillschweigend das Judentum und suchen anderwärts bequemere Unterkunft; während andere, von des Gedankens Blässe angekränkelt, gleichsam zur Beschwichtigung der eigenen Gewissensbisse, sich aus ihren egoistischen Instinkten eine Philosophie zurecht machen und ihren Abfall durch ein gelehrtes System zu rechtfertigen suchen. Am liebsten drapieren sie sich in die Pose des Erlösers: sie wollen die Judenfrage einmal endgültig lösen. Als ob eine welthistorische Frage jemals wie ein Rechenexempel endgültig gelöst worden wäre, als ob nicht die Lösungen darin bestünden, dass das Leben den Völkern immer neue Aufgaben stellt, die das Interesse an den alten verdrängen. Als ob übrigens der Abfall eine Lösung der Judenfrage und nicht bloss eine Lösung der Frage des Juden X oder Y bedeuten würde. Die hierzu gehörige Philosophie beginnt, wie jede Philosophie, mit einer Frage, nur ist sie in diesem Falle sehr albern. Sie lautet: Wozu soll ich Jude sein? Was für einen Zweck hat das Judentum für mich? Man muss staunen, dass in einer Zeit, die sich rühmt, die Teleologie aus der Wissenschaft gedrängt zu haben, derlei Fragen von modern sein wollenden Menschen gestellt werden können. Erweitert man diese Frage, dann lautet sie: Wozu leben wir? Was ist der Zweck des Daseins auf Erden? Und man fühlt sich sofort in die schönsten Zeiten der blühenden Metaphysik versetzt. Doch fragt ein gesunder Mensch sich nie: Wozu lebe ich auf der Welt? Was ist der Zweck meines Daseins? Sondern nur: Wie lebe ich? Womit fülle ich mein Dasein aus? Was für einen Inhalt verleihe ich meinem Leben? Es sind also nur die kranken Juden — die welken Blätter, die wurmstichigen Früchte —, welche jene Frage stellen. Die anderen ziehen es vor, sich die Frage vorzulegen: Wie entwickeln wir den Inhalt des Judentums? Wie erhöhen und vertiefen wir dessen Werte? Wie steigern und potenzieren wir dessen Inhalt? Stellt man also die Frage, ob es wünschenswert sei, dass das Judentum untergehe, so muss die Antwort lauten: Hunderte, ja vielleicht Tausende empfanden es zu allen Zeiten für ihre Person aus praktischen Gründen als wünschenswert und vollzogen auch an ihrer Person den ,,Untergang des Judentums". Viele von ihnen verallgemeinerten in natürlicher Verblendung ihr persönliches Empfinden, übersahen aber, dass, was ihnen wünschenswert erschien, Millionen und Millionen ein unerträglicher Gedanke sein muss, da diese unter den schwersten Opfern sich hartnäckig weigern, ihrem Beispiel zu folgen. Das Judentum hat doch offenbar eine ganz ungeheure Gewalt über die Seelen, wenn seine Bekenner, als das nötig war, sich jahrhundertelang zu Tausenden und Abertausenden seinetwegen den schrecklichsten Todesarten und den grausamsten Martern unterzogen, und wenn bis auf den heutigen Tag Unzählige den stärksten Lockungen widerstehen, und Unzählige vor Verbannung, Heimatlosigkeit, Not und Elend nicht zurückschrecken, um nur nicht abtrünnig zu werden. Und in der Tat, das Judentum bietet eine Fülle von religiösen Symbolen, die den Menschen, vom strengsten Orthodoxen bis zum radikalsten Reformer, Befriedigung gewähren. Es enthält ausserdem eine Reihe ethischer, kultureller und nationaler Werte, die auf Menschen, welche