Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1904)
- Article
- Theodor Herzl im Kreise seiner Familie und seiner Freunde
- Date
- 1904-08-01
- Page
- Seite 623 - 624 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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623 II. York-Steiner: Theodor Herzl im Kreise seiner Familie und seiner Freunde. 624 lieh nahm er mich bei der Hand, zog mich die Treppe hinauf, und da ich an der Wohnungstür fertig war, konnte ich mich schliesslich verabschiedeq. Dann lachten wir beide. Er aber sagte: „Man soll Eltern nicht warten lassen, sie sind für mich uns immer bereit gewesen." Dieses Verlangen nach den Eltern, diese tiefinnige Kindesliebe, man findet sie fast immer bei uns Juden mit starker Stammestreue vereint. Als der Vater gestorben war, besuchte er an jedem Sonntage, den er in Wien verlebte, sein Grab. Zur Mutter aber kam er nach wie vor alltäglich. Mit ihr nahm er mittags den Lunch, mit der Familie abends das Diner, so hatte jedes Haus sein männliches Oberhaupt. „Weist Du, Mutter, warum ich bei Dir esse," fragte er oft neckend. rFür mich, das weiss ich, wirst Du gut kochen, und daher wirst Du selbst immer gut essen." Er reiste nie, ohne der Mutter Segen zu verlangen. „Was kann Dir der Segen eines schwachen Weibes bedeuten?" wehrte sie manchmal ab. Er aber sagte dann: „So ein Muttersegen ist für gar vieles gut." Diese Liebe zu den Eltern wurde durch volle Hingabe an den Sohn erwidert. Er hatte ihnen vom Tage seiner Geburt Glück und Freude gebracht. Schön von Gestalt, wild wie zwölf Jungens, dabei stets anmutig, so schildert ihn seine Mutter. Feinfühlig und chevaleresk war er von jung auf. Als 14jähriger Knabe leitete er in Budapest eine Sammlung lür einen armen Schulkollegen. Er kam zu seinem Vater um einen Beitrag. Ein gleichzeitig anwesender, mit Glücksgütern nicht sonderlich gesegneter Verwandter, der mir dieses Detail vor Jahren erzählte, wollte sich an dieser Kollekte beteiligen. Theodor aber lehnte ebenso taktvoll als entschieden ab. „Sie sind Papas Gast, und er muss für uns alle zahlen." Sein Vater, ein tüchtiger, fleissiger, tadellos redlicher Kaufmann, hatte mit 45 Jahren sein ganzes selbsterworbenes, beträchtliches Vermögen verloren. Durch Fleiss und Tüchtigkeit, ganz besonders infolge seiner bekannten Redlichkeit, die das Vertrauen der Komittenten brachte, war es ihm gelungen, ein neues Vermögen zu erwerben, das ihn unabhängig machte. Männer mit solchen Erfahrungen pflegen keine Phantasten zu sein. Jacob Herzl war ein braver, aber kein überschwenglicher Jude. Und nun war es von drollig wirkendem Interesse, zu sehen, wie dieser praktische Kaufmann nach und nach die Ideen des Sohnes in sich aufnahm und schliesslich begeistert die Zukunft des jüdischen Landes und die Prosperität der jüdischen Bank predigte. Was aber noch mehr sagen will, er brachte für die Sache unseres Volkes namhafte materielle Opfer. Theoder Herzl hatte seine Eltern nie nach Basel mitgenommen — um sie nicht aufzuregen, wie er sagte, in Wirklichkeit, weil er sie nicht zur Schau stellen wollte. Als der Vater aber plötzlich gestorben war, schmerzte es ihn tief, dass er, der alle Kämpfe, alle Vorbereitungen gekannt hatte, nie die jüdische Nationalversammlung geniessen konnte, und er nahm die Mutter mit zum nächsten Kcngress. Und es war die höchste Zeit; sie hat den letzten Kongress erlebt, den ihr Sohn leitete. Sie konnte sich in seinem Glänze sonnen, verehrt von allen Delegierten, umgeben von seinen Freunden, Tage höchsten Glückes geniessen. Von seinen engeren politischen Freunden waren einige auch die Freunde seines Hauses geworden. Die Eltern kannten uns, wie wir seiner Frau nahe standen, und die Kinder liebten, denen wir die unseren zuführten. Wenn man von Pauline sprach, die jQach überstanden er Krankheit körperlich prächtig gedieh und über ihre pedantische Sauberkeit lachte, die der komische Schreck ihrer jüngeren Geschwister war, wenn man Hanns lobte, der ebenso begabt als bescheiden ist und als geborener Gentlemen bald alle Herzen gewann — dann war man sicher, ihm eine grosse innige Freude zu bereiten. Und das war gut, denn im allgemeinen war der Weg, den man mit ihm wandelte — nicht mit Blumen bestreut. Ich kenne kaum einen seiner Intimsten, der nicht gelegentlich bitter überihn geklagt hätte. Es war mit ihm, je länger er die Sache des Volkes leitete, eine immer stärker fühlbare Wandlung vorgegangen. Wir galten ihm nur mehr so viel, als wir der gemeinschaftlichen Idee zu bieten imstande waren. Was in seinen Gesichtskreis kam, wurde für den Zionismus ausgenutzt, und die persönliche Freundschaft bedeutete ihm nichts, wenn sie nicht in Arbeit für unsere Idee umzuwerten war. Und da er sich mit allen Kräften und Gaben, mit Hab und Gut, mit Leib und Seele der grossen Aufgabe gewidmet hatte, war ihm nicht bald etwas gering, was die anderen taten. Er nahm zwar Ideen anderer mit Begeisterung auf, aber er transformierte sie mit einem unwiderstehlichen Ruck in seinem Sinne, oder schob sie achtlos beiseite, wenn taktische Gründe dies seiner Meinung nach verlangten. In seinem Bereiche sollte man sich seinem Willen vollständig unterordnen. Er war Vorstellungen und Ratschlägen sehr zugänglich, aber im grossen und ganzen änderte das nicht viel an seinem Wesen und Wollen. Einst hatte er öffentlich etwas gesprochen, was ich für einen Fehler hielt. Als ich ihm dies zu Hause geradeheraus sagte, wurde er betroffen. „Warum hindern Sie mich nicht, wenn ich etwas Unrechtes tue?" meinte er. „Man stellt sich keiner Lokomotive in den Weg, wenn sie im Eilzugstempo fährt/' war meine Antwort. Ein beifälliges Lachen lohnte dieses Apercu. Er kannte sich genau. Dieser in den Formen so vornehm, ruhig scheinende Mann war der Sklave eines leidenschaftlichen nur mit äusserster Anstrengung beherrschten Temperamentes. Jude durch und durch, auch darin liebte er um so mehr die gemässigten Kräfte, die gebändigten Instinkte der vornehmen Europäer. Ganz besonders schätzte er die Engländer. Der Aesthet in ihm hatte seine Freude an den kultivierten Lebensformen, der Politiker am chevaieresken, politischen Kampfe, wie er in England üblich ist. Die wilde und oft persönliche Art, wie sie ihm entgegentrat, verletzte ihn daher aus mehrfachen Gründen. Denn im Grunde seines Wesens hielt er sich hoch, und er verzieh nicht leicht. Schon vor Jahren sagte er mir: „Ich weiss, ich bin ein gutes Werkzeug für mein Volk, aber ich fürchte, ich fürchte, sie werden es frühzeitig zerstören." Da er sich und alle seine Interessen mit der Sache seines Volkes identifiziert hatte, kam es ganz von selbst, dass er die Sache in seiner Person verkörperte, jeden Angriff auf diese als Verrat am Werke ansah und jede Vernachlässigung der Arbeit als eine Verletzung seiner Person.