Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1904)
- Article
- Theodor Herzl im Kreise seiner Familie und seiner Freunde
- Date
- 1904-08-01
- Page
- Seite 625 - 626 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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625 H. York-Sleiner:. Theodor Herzl im Kreise seiner Familie und seiner Freunde. 626 Viele Vorkommnisse unliebsamer Art, wie sie vom politischen Leben nicht zu trennen sind, hatten ihn, der vom journalistischen Berufe Skepsis und Vorsicht mitgebracht hatte — immer misstrauischer gemacht. Er leitete tatsächlich die ganze Partei allein, im grossen und im kleinen. Niemand erfahr von all seinen Plänen, und jeder wusste nur von dem, was ihm zugewiesen war. Das aber brachte ihm eine Arbeitslast, der kein Mensch gewachsen ist. Er vertraute nicht vielen, und den meisten, denen er nicht misstraute, traute er wenig zu. Und da mag er ungerecht gewesen sein; die Zukunft wird es lehren. Starke Persönlichkeiten hatten von jeher neben ihm einen schweren Stand, das benutzten die schwachen Elemente häufig, um die Plätze neben ihm einzunehmen. Und so gross war seine Noblesse, so stark sein Dankbarkeitsgefühl, dass er niemand entfernte, der einmal neben ihm zu sitzen gekommen war. Leute aber, von denen er etwas hielt und die von Anfang mit ihm gegangen waren, suchte er immer wieder an die Sache zu ketten; auch wenn Konflikte das Einvernehmen gestört hatten. Und sein immer stärker hervortretendes Misstrauen schuf manche Schwierigkeit und mehr Konflikte, als ihm gut war. Aber er meinte, seine Ideen im Beginn geheim halten zu müssen, weil ihm vieles von kleinlichen Menschen zerstört worden war. Auch die bösen Szenen infolge des Ostafrika-Projektes entstanden mehr aus dieser Methode heraus, als der Sache wegen. Und das ist so merkwürdig gewesen an diesem Manne, dass wir ihm alles verziehen, wenn er kam, dass wir ihm auch ungerufen zuliefen, wenn Not an Mann war, dass wir uns selbst im Unmut vor ihm beugten, weil unwissentlich unsere Herzen so sehr mit ihm verknüpft wurden, dass wir nicht mehr ohne ihn leben konnten. Seine Grösse war uns voll ins Bewusstsein übergegangen, wir fühlten es zu jeder Stunde: das ist eine zur Neubelebung des jüdischen Volkes berufene Kraft. Keiner von uns hielt es lange ohne ihn aus, und man kam häufig zu ihm, sich seines Besitzes zu erfreuen. Die Vornehmheit seines Wesens, die Grösse und Reinheit seines Strebens, die Selbstlosigkeit seiner Handlungen, die absolute Sicherheit seines Weges, sie wirkten stärkend und richtunggebend. Wir sprachen vertrauensvoll unser ganzes Leben mit ihm durch und meinten, ohne sein Wissen nichts unternehmen zu können. Ob wir es jetzt lernen werden? Seine Persönlichkeit war ein mächtiger Bau von reinstem Stile mit kleinen Konstruktionsfehlern. Diese habe ich nicht übergehen wollen, das war ich seinem Andenken schuldig. Ich habe Theodor Herzl geliebt mit aller Kraft, deren mein Herz fähig war — aber noch mehr schätzte ich die Reinheit seiner Seele. Und ihr Glanz wird um so heller erstrahlen, je klarer wir ihre wenigen irdischen Schlacken sehen. THEODOR HERZLS KRANKHEIT, TOD UND BEGRAEBNIS. Eines Tages wussten wir, dass Theodor Herzl schwer krank sei. Die Aerzte taten sehr bedenklich und meinten, er würde nie — auch nicht im Falle der Genesung — die Arbeit der Führerschaft übernehmen dürfen. Und da wir uns das Leben ohne ihn nicht denken konnten, den Zionismus ohne seine Führung gar nicht zu verstehen vermochten, schmähten wir die Mediziner und ihre Kurzsichtigkeit. Herzl ging nach Franzensbad, um dort kohlensaure Bäder zu nehmen. Als er gestorben war, wussten die Aerzte, dass diese Kur schädlich gewesen sei. Er kam von Franzensbad leidender, als er hingegangen. Dann fuhr er nach Edlach am Fusse des Raxgebirges. Die Aerzte zweifelten; wir aber hofften, weil wir nicht verzweifeln wollten. Er ahnte das Ende und mochte doch im Innersten seiner Seele auf Rettung hoffen. Sobald die quälende Atemnot ihn verliess, scherzte er mit seiner Umgebung, und wohl auch über das kommende Schlusskapitel des Lebens fiel manche feine Bemerkung. In meinem Theaterstücke „Das neue Ghetto", so erzählte er einem Freunde, wurde mir eine Stelle gestrichen, die auf meinen Zustand sehr gut passt. Der christliche Freund fragt den Börseaner Wassermann, was der Rabbiner bei dem Kranken thue, ob er ihm vielleicht die Sterbesakramente reiche, Wassermann antwortet: „Nein, bei uns stirbt man ohne Sakramente, aber es geht auch so." Seine Frau war erschüttert, weil doch niemand Nachdruck verboten. mehr als sie den Verfall dieser herrlichen Mannesgestalt beobachten konnte. Auf uns allen aber lag das schwere Gefühl der elektrischen Spannung vor einem Zyklon. Wir gingen unseren Geschäften nach, aber mit den Blicken nach seinem Krankenlager. Wir wussten genau von allen Vorgängen, das Telephon gab uns Nachricht von seinen schweren, schlaflosen Nächten, den atembeklemmenden Beschwerden des Tages, und die Kunde von jeder Besserung durcheilte die Stadt in raschen Zügen. Wer reisen musste, bekam von vertrauten Freunden Nachrichten, und die trüben Sorgenwolken ballten sich immer mehr zusammen. Ein Freund aus Deutschland, entsetzt vom Aussehen des Kranken, sandte einen berühmten Speziaiarzt für Herzkrankheiten. Dieser meinte, dass eine bestimmte Kur Rettung bringen könnte. Wir waren sehr rasch bereit, zu jubilieren, dies um so mehr, als wir ja immer die behandelnden Aerzte für übertriebene Pessimisten hielten. Herzl richtete sich neu belebt auf und wollte sich zur Reise nach Deutschland rüsten. Wir erwarte'en ihn in Wien und bettelten um die Gunst, ihn auf der Reise begleiten zu dürfen. Einige Stunden vor seiner Abfahrt nach Wien fühlte er Schmerzen in der Brust, ein quälender Husten entwickelte sich zu einer Lungenentzündung, so dass alle Dispositionen geändert werden mussten. Das war Freitag, den 1. Juli. Am nächsten Sonntag erwartete man die Mutter und die zwei jüngsten Kinder in Edlach. Der Kranke fühlte sich besser. Es waren auch Freunde von Wien gekommen, und die