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Ost und West · 1904-08-01 · Heft 8-9 (August-September 1904) · p. Seite 621 - 622

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Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 8-9 (August-September 1904)
Article
Theodor Herzl im Kreise seiner Familie und seiner Freunde
Date
1904-08-01
Page
Seite 621 - 622 (sequence 3)
Language
German
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621 IL York-Steiner: Theodor Herzl im Kreise seiner Familie und seiner Freunde. 622 im Zimmer neben der Krankenstube ein Theaterstück schrieb. Und doch wie sehr liebte er diese Kinder. Das Innigste und Feinste, was er feuilletonistisch geschrieben hat, sind die seinen Kindern gewidmeten Zeilen. Einst schrieb er in erschütternder Weise, dass ihm vom Tode seiner kleinen Trude geträumt habe, die Gaslaternen waren schwarz verhängt, tmd die Leute in der Strasse weinten. Auch ich hätte fast geweint, als ich das las. Da ich in der Nähe wohnte, eilte ich zu ihm, um zu hören, aus welcher Stimmung heraus diese wehvoll süsse Phantasie entstanden war. Ich kam gerade dazu, als seine Frau ihm über dieses Spiel mit dem Tode bittere Vorwürfe machte. Ihm war der Tod etwas Gewohntes, Selbstverständliches, der Gedanke an das Scheiden so wohl vertraut, dass er ihr Erschrecken kaum verstand. Vor etwa sechs Jahren fuhr er in mässiger Weise Bic)rcle. Wir trafen uns zu Rade im Prater, da erzählte er mir, dass der bekannte Kliniker Prof. Nothnagel ihn fahren sah. „ Er hat mich gewarnt, er sagte: Doktor, geben Sie auf Ihr Herz acht." Recht melancholisch setzte er hinzu: „Mein Herz ist nicht stark, die Aerzte finden zwar keine Krankheit, aber ich bin nicht ganz gesund." Das suchte er zwar seiner Frau zu bestreiten und seiner Mutter zu verheimlichen , aber mir sprach er oft von Ahnungen eines frühen Todes. Seiner Mutter, die eine erwachsene Tochter und den Mann verloren hatte, verbarg er in liebender Sorgfalt alle Symptome seines beginnenden Leidens, sie kannte nicht den Ernst seiner letzten Krankheit, und sie wurde von seinem Tode überrascht, als sie den vermeintlich Wiedergenesenen besuchen wollte. Der Vater starb vor mehr als zwei Jahren plötzlich am Herzschlag, während der Sohn in London für unsere Sache arbeitete. Theodor Herzls Kinder. Der Verlust traf ihn härter, als wir alle vorausgesetzt hatten; schliesslich war der Vater 68 Jahre alt geworden, ein Mann an der Grenze des Greisen alters. Das Schluchzen Theodor Herzls beim Leichenbegängnis seines Vaters war geradezu erschütternd. Er hat auf dem Wege, den wir ihn vor einigen Wochen getragen haben, die schwersten Augenblicke seines Lebens zugebracht. Er hing organisch mit den Eltern zusammen, es umfasste sie ein festes, lebendiges Band, dessen Lösung ihm ans Leben ging. Dazu kam das Erschrecken über die Todesursache, die ihm eine Mahnung ans eigene Ende gewesen sein mag. Von dieser Zeit an konnte ich eine zunehmende Verdüsterung seines Gemütes wahrnehmen. So kam es, dass seine Mutter, der er sonst jeden Schmerz, jede Aufregung fernhielt, ihn, den Starken, über den gemeinschaftlichen Schmerz trösten musste. An diese Mutter schloss er sich dann immer mehr an. Es ist bekannt, dass seine Eltern ihm nach Paris nachgekommen waren, als er dort lebte. Da sie in der fremden Stadt nicht Wurzel zu fassen vermochten und nach Wien zurückkehrten, folgte er ihnen ohne Eesinnen.Er hat häufig seine Mahlzeiten vernachlässigt, Besuche mit seiner Frau verschoben, das Theater versäumt, wenn es die Arbeit für sein Volk so erforderte, nie aber unterliess er es, zur festgesetzten Stunde seine Eltern zu besuchen. Wenn die Zeit gekommen war, unterbrach er jedes Gespräch oder er setzte es auf der Strasse fort — und ging zu den Eltern. Einst hatte ich ihm zu dieser Stunde eine aussergewöhnlich wichtige Mitteilung zu machen. Wir gingen zusammen bis ans Haus, dann blieben wir stehen. So sehr die Sache ihn auch gefangen nahm, er schaute doch immer nervös nach der Uhr. End-

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