Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1904)
- Article
- Theodor Herzl im Kreise seiner Familie und seiner Freunde
- Date
- 1904-08-01
- Page
- Seite 619 - 620 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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619 Dr, Theodor Herzl: Palästina. 620 Das Arbeitszimmer Theodor Herzls. Händen der Frau Julie, die mit einer an Fanatismus grenzenden Sorgfalt ihren Mutterpflichten oblag. Dadurch blieb ihm jede Strenge erspart, und der Eniwickelungsweg seiner Kinder bot ihm nur duftende Blüten. Auch der Mechanismus des Haushaltes störte ihn nicht, und das Geräusch der häuslichen Verrichtungen drang nicht an sein Ohr. Er konnte reisen oder kommen, gehen oder bleiben, für sein körperliches Behagen war immer gesorgt. Das erleichterte ihm die Arbeit der Führerschaft. Dass er aber so oft reiste, dass er öfter ging als blieb, dass er so häufig diese Kinder verliess und dem grössten Genüsse entsagte, um uns zu dienen, das allein verpflichtet unser Dankgefühl für alle Zeiten. Seine Frau wehrte sich anfangs gegen die Zersplitterung seiner Liebe, sie kämpfte an gegen seine volle Hingabe ans Volk, er aber ging unbeirrt seinen Weg. Erst waien ihr unsere Besuche peinlich, dann wurde sie manchem von uns eine treue, zuverlässige Freundin. Und wir waren dankbar, denn wir wussten, dass wir ihr und den Kindern die Sonne ihres Glückes verhängten. So kam es, dass selbst die wichtigsten Unterredungen mit intimen Freunden und Parteigenossen in ihrer Gegenwart stattfanden. Sie ging wohl hin und wieder, dem Haushalte vorzustehen, aber sie hörte in den freien Augenblicken die Stimme ihres Mannes — und konnte ihm hie und da liebkosend über den Scheitel fahren. Sie hatte ihn doch so wenig, diesen angebeteten Mann, den sie aus massloser Liebe immer wieder zu bekämpfen suchte. Aber neben Theodor Herzls stählerner Persönlichkeit gab es keinen anderen Willen, und selbst ein so eigenartiger Charakter, wie der seiner Frau, musste sich endlich resigniert, wenn auch nicht ohne Widerstreben, beugen. Heute wissen wir, dass ihr durch Gattenliebe und Muttergefühl geschärfter Instinkt richtig empfunden hatte, dass Theodor Herzl sich vorzeitig und allseitig für sein Volk aufgerieben hat. Nie aber beklagte sie seine materiellen Opfer, sie hatte keine grossen persönlichen Bedürfnisse, verzichtete auf jeden Toilettenluxus und lebte mehr für das Innere des Hauses. Als Pauline, das älteste Töchterchen, vor füm Jahren schwer erkrankte, schlief ihre Mutter wochenlang in keinem Bette, stets die Pflege persönlich leitend. Ganz aufgelöst im Gefühl der Mutter, war sie für keinen von uns zu sprechen, bis das Kind gerettet war. Ihr Mann, der sich für seinen Beruf und für den Zionismus aufrechterhalten musste, suchte sich das Gleichgewicht der Seele dadurch zu sichern, dass er