Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1904)
- Article
- Zwei Herzlbilder
- Date
- 1904-08-01
- Page
- Seite 609 - 610 (sequence 5)
- Language
- German
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609 Theodor Zlocisti: Zwei Herzlbilder.' 610 er war still und immer stiller geworden und niedergedrückt und bescheiden, und wägte ängstlich, jedes Wort, um nicht die sprungbereite Masse zum verfrühten Aufbruch zu verführen. Er hatte grosse Hoffnungen geweckt — nicht durch laute Worte, durch grosse Versprechungen auf ein nahes Glück. Nein! Durch seine Persönlichkeit! Er war, ein Herzl war da — und man hoffte. Ein Herzl lebte — und das war sichere Zukunft. Er wirkte auf die Massen wie mit mystischen, magnetischen Kräften. Aber was war dieser Magnetismus, der die eigene Zielstrebigkeit der Leute ertränkte und die Willenlosen in seinen Gewaltbann zog, anderes als die Projektion der Sehnsucht, des Willens zum Glück, der Träume und Hoffnungen aller auf diesen einzigen Mann. War das schlaue Berechnung, als ihm die Rabbiner Wilnas die Thorarolle entgegentrugen wie einem König? Und war es nicht innerer Zwang, wenn die Zehntausende der Elenden und Gedrückten bei seinem Anblick wie berauscht ausschrieen: l'chi Herzl — aus dem gleichen Gefühl heraus, in dem einst das leidende Volk den Schaul begrüsste . . . Was tat er, um die Hoffnungen zu nähren? Er arbeitete rastlos Tage und Nächte. Aber durch Monate sah und hörte ihn keiner. Wie hätten sich die Kleinen gesonnt in dem Ruhme, und ihre Kleinheit zur Schau gestellt! Gewiss! Sein Leben war ein hohes Glück, ein mühselig erarbeitetes, wie es nur wenig Sterblichen erblüht ist — und war doch ein gewaltiger Schmerz von Millionen in eine einzige arme Seele, ein Schmerz von Jahrtausenden in einige Jahre gepresst. Mehrmals hatte er für Sekunden die Erfüllung seiner — unserer — Sehnsüchte in der Hand. Aber sie entglitten seinen bebenden Fingern. Hämisch und mit Genugtuung sprachen die Besserwisser dann. Aber was waren diese Nadelstiche gegen den zerfetzenden Schmerz. Den Schmerz, der wie ein Weltbrand in ihm mordend sengte. „Millionen Augen blicken auf dich. Millionen Wunden harren deiner heilenden Hand. Nun ist deine j— ihre! — Hoffnung dahin! Wer weiss, wann neue Rettung blüht." Und neue Hoffnung blühte — und neuer Schmerz. Promethidenschmerz! Stumm trug er das Titanenleid. Ein Bild: Herzl war beim Padischah. Eine grosse Hoffnung war dahingeflossen wie die kristallklaren, grünlich-blauen Wellen des Bosporus. Nun sitzt er im Zuge. Heimwärts. In die fremde Heimat! . . . Ein Freund kommt zu ihm, um ihm das Ehrengeleit durch Bulgarien zu geben. Stunden fahren sie dahin. Sie sprechen kein Wort. Herzl in einer Ecke mit halbgeschlossenen, wie erloschenen Augen, die Wangen verfallen. Mühselig ringt die Brust nach Luft. Ihn würgt ein unhörbares Schluchzen. . . . Armes Herz! „Und wäre dein Herz wie ein Löwenherz, es müsste schmelzen!" Du kanntest das Judenherz, altes Buch. Brauchte es da noch der schweren Stunden des letzten Kongresses? Brauchte es da noch der vielen Pfeile, die gegen dies arme Herz geschleudert wurden, und der vielen vergifteten Geschosse, gegen die er wehrlos und machtlos stand! „War Herzl denn ein Jude? Er war ja ein Mohr, der seine Schuldigkeit getan. Ein Mohr, der nur König von Uganda sein wollte." Täglich gab das zehn Spalten in der Zeitung — wieviel Spalten gab das in seinem Herzen?! Und dieses Herz ward schwach. Ein guter Tag — und die fiebernde Hand schreibt Pläne und Gedanken nieder. Wie ist doch, die feste Schritt so greis und zittrig geworden! Dann das Krankenlager. Das Herz bebt wie ein flackerndes Licht. Nun steht es still, um dann so hastiger, als wollte es nachholen, zu schlagen. Er ringt nach Luft. Lufthunger — das ist die Krankheit unseres Volkes. Er muss es am eigenen Leibe spüren. Ganz körpeilich. Er daif nicht von hinnen gehen, eh dass er alles Judenleid kennte. Aber hinter der bleichen Stirn, die kalter Schweiss deckt, hämmert und jagt es. Sind es liebliche Bilder, die in ihm vorübersausen? Sieht er die grünenden Fluren und den schneebedeckten Hermon emporragen in die blaue Luft, die widerhallen vom Klange der Gittith, der Flöten und Posaunen, und von den freudigen Liedern der Schnitter, der jüdischen Bauern, in deren „erstarkter Hand der Pflug geruht". Oder starbt er in die Nacht, in die sein Werk durch kleinlichen Hader verschwände? Und sah er sein Yolk zermorscbt im Leiden und unstät wandern ohne den süssen Trost der Hoffnung? .... So musste er hinsiechen, in der Jugend der Jahre. Und Israel blieb verwaist der Hand, die ihm die Wege weisen durfte, weisen konnte. Die Empfindungen sind unsterblich wie die Kraft. Sie haben ihre eigene Seelenwanderung. Moses, Jesajas, Jeremias —■ sie starben mit gebrochenem Herzen. Aber ihr Leid blieb am Leben. Und wer Israel leitet, muss es erben — und daran sterben. Und Herzl starb. Er ist nicht gestorben wie die Eiche, die der Blitz zerspellt. Nicht im Kusse mit Gott sank er dahin. Langsam ist er verblutet .... Er trug eine Dornenkrone ums Haupt und Dornenreiser im Herzen. Dorngezweige brannten einst in der Wüste. Doch sie verlohten nicht. Denn Gott war in dem Gebüsch. Doch Herzl war ein armer Mensch: ihn hat es verbrannt . . . * * * ' Zwei Herzlbilder! 1896 der interessante Kopf. 1903 das Gräberfeld . . . Mir träumt ein anderes Bild. Da steht ein Greis von hohem Wuchs. Lang wallt sein weisser Bart hernieder, und träumerische, grosse Augen voll sonniger Heiterkeit blicken über eine glitzernde Wiese.. Lustig nicken die Blüten mit ihren Köpfchen, und die gierigen