Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1904)
- Article
- Zwei Herzlbilder
- Date
- 1904-08-01
- Page
- Seite 607 - 608 (sequence 4)
- Language
- German
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607 Theodor Zlocisti: Zwei Herzlbilder. 608 Lichtschein eines Jahrzeitlämpchens, als man ihn bat in Berlin, über seine Pläne zu sprechen, da lehnte er es ab. Liebens würdig-vornehm, wie es seine Art war. Aber recht bestimmt. Er wollte mit der Sache nichts zu tun haben. Der „Judenstaat14 war ein Künsilergebilde, und er war Schriftsteller — „er versteckte sich hinter dem Geräte". Just, wie es das Buch Samuelis von Saul berichtet. Er wollte nicht! Als hätte er etwas zu wollen gehabt! Eine geheimnisvolle Macht lag in ihm und jagte ihn vorwärts. Immer machtvoller wuchs die Idee in ihm auf, bis sie sein ganzes Sein erfüllte. Bis sie aus seiner Seele herausdrängte alle die Welten, die sich nicht mit dem neuen Geiste durchtränken Hessen. Und es waren ihrer so viele! .... Mit schüchtern-keuschen Worten hat er in seiner umflorten Lebensbeschreibung „Die Menorab" diese Kämpfe psychischen Wandels angedeutet: „Dabei gab es eine Anzahl von Uebergängen, die ihm selbst nicht leicht fielen, wenn er dies aus Trotz auch nicht sehen liess. Als ein Mensch und Künstler von modernen Anschauungen, war er doch mit vielerlei unjüdischen Gewohnheiten verwachsen und hatte aus den Kulturen der Völker, durch die ihn sein Bildungsgang geführt, Unvertilgbares in sich aufgenommen. Wie war dies mit seiner Rückkehr zum Judentum zu versöhnen?" Es waren Monate schwerer seelischer Erschütterungen, die er durchkämpfte. Wie weit war doch der Weg von dem prunkenden Lichtglanz des Weihnachtsbaumes zu dem stillen Kerzenschimmer der Menorah! .... Er rang mit dem Judentum um das Judentum. Sein Gegner war als Sieger zugleich Preis für den Sieg. Und er kämpfte mit sich lange noch nachher, als er das ewige Wort schon gesprochen: „Der Zionismus ist die Rückkehr ins Judentum vor der Rückkehr ins Judenland." Es war ein gewaltiges Ringen, an Wunden und Schmerzen reich — wie wenige gerade aus dem Osten hatten ein Auge dafür! Immer wieder reckte sich der niedergezwungene alte Adam, der totgeglaubte, zu neuem Schlage empor. Alte Künstlerträume wurden lebendig und lockten mit heissen Liebesworten. Und die deutsche Sprache, die ihm ihre süssesten Reize wie wohl nur wenigen entschleiert hatte, war sie nicht fremden Wesens, fremder und doch so hoher Werte voll? Ehe dass in ihm die neue Schönheit aufsprosste, ehe dass junge Keime sich regten und junge Blütenträume die Köpfchen zur Sonne hoben, sah oft seine Seele wie ein Trümmerfeld aus, wie eine Walstatt voll Leichen — voll lieber Leichen. Seine Melancholie hatte eine Süssigkeit weniger. Sein Antlitz eine Furche mehr . . . Die Arbeit begann. Er musste erst die Fundamente legen. An Baumaterial fehlte es nicht. Ueberau lagen granitne Quadern ungeordnet, unbehauen umher. Die Technik kannte Herzl gut — er kam von Europa her! Er schuf den Kongress. Rastlos am Werke, den stolzen Blick auf das hohe Ziel gerichtet, achtete er des Natterngezüchtes zu seinen Füssen nicht. Aber die Brut des Mauscheis wuchs, und so musste seine junge Kraft, die der neuen Heimat galt, es mit den Neidern und Feinden aufnehmen. Der schwere Kampf begann, der Kampf, den sein fliegender Idealismus nicht kannte, der Kampf, in dem durch die Jahrtausende Juda's Führer verblutet sind, der Kampf mit den Juden. Da hiess es, von alten Freunden, die mit ihm weite Strecken des Lebens gegangen waren, Abschied nehmen. Das gibt Traurigkeit. Und das Gezücht hat er niedergeschlagen in schweren Schlachten. Seine Stärke wuchs über ihn hinaus in all den Widerständen. Sein Schild blieb blank, als käm's just aus der Esse. Aber leichte Schatten senkten sich über sein Gemüt. Und wie Albdruck legte es sich auf sein junges Herz so manches Mai. Seine Melancholie hatte eine Süssigkeit weniger Sein Antlitz eine Furche mehr. Lawincngleich schwoll die Arbeit an. So mancher hatte den Mut verloren und sich geschickt in den Schmollwinkel gerettet. Wie ist doch die Mühe so schwer. Und das Schmollen so leicht! Herzl ermattete nicht. „Der Anblick einer Anstrengung hat etwas Hinreissendes, was immer der Preis oder das Ziel sei." Dieses Wort zeichnet den Arbeiter Herzl. Mit übermenschlicher Kraft trug er — ein Atlas — das stolz in die Höhe strebende Gewölbe. Es gab keine Leistung, die ihm zu schwer war. Die Bitte eines Getreuen war ihm so heilig, wie die grössten Forderungen der Volkssache. Er war Berater und Helfer im grossen wie in dem hunderttausendfältigen Kleinen, das an ihn herantrat, und das er mit Sorgfalt und Pünktlichkeit erledigte. Immer tiefer musste er in das Geschick unseres Volkes blicken. Kannte er einst nur von der Höhe die grosse, leidende Masse, fühlte er ihren gigantischen Schmerz, so musste er jetzt in die blutenden Herzen von Hunderttausenden sehen und jedes tragische Einzelschicksal mitleiden. Er war das Herz der armen Judenheit geworden. Wo immer in der ganzen Welt ein Jude litt — und wo gibt es einen Ort, da ein Jude nicht leidet? — Herzl wollte man zum Gefährten im Leide. Er war aller Freund und aller Hoffnung. Aber er brach nicht zusammen unter der Wucht der Sorgen. Er klagte nicht. Aber sein Herz war wie ein Klagelied: „ich bin der Mann, der das Elend gesehen unter seines Zornes Geissei. . . . Es umzingelt mich und schliesst mich eng ein mit Gift und Leid. Es hat mich eingesielt, und ich kann nicht hinaus. Schwer macht er meine Fessel, auch wenn ich wehklage und schreie." Er hatte grosse Hoffnungen geweckt. Doch nicht in dem Sinne, wie manche ihm vorwarfen. Denn