Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1904)
- Article
- Zwei Herzlbilder
- Date
- 1904-08-01
- Page
- Seite 611 - 612 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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611 Theodor Zlocisti: Zwei Herzlbilder. 612 Kelche schlürfen in trunkenem Glück die Sonne. Die Gräser wiegen sich im Winde. Oder wehren sie nur das sehnende Liebesgegirre der Grillen ab? Und um den Greis hüpfen Mädchen und Buben über die heimatliche Erde. Seine Enkel sind es, Kinder der Scholle; und die Scholle ist und bleibt ihr Leben. Er denkt seiner Jugend, wo ihn die Sehnsucht nach der Mutter Erde verzehrte, und da er — aquis subtnersus — nachsann, wie er „seinen Kindern das unvergessbare Abenteuer verständlich machen wollte, wie wir über Wiesen gingen, auf denen die Herbstzeitlose nickt. (Denn) . . . weiter hatte sich nichts begeben, und das war soviel." Und die Träume spinnen mir weiter an dem Gewebe. Ein Schreibtisch. Aus zierlichen Vasen nicken Blumen. Von hohen Regalen grüssen Bücher. Alte, aus einer fernen Welt, die nicht mehr quälen; junge aus eigenem Volkstum, voll fröhlicher Dankeshymnen. Hurtig fliegt die Hand über die weissen Bogen; und iröhliche Gedanken hüpfen aus der Feder. Die Schönheit des Alltags, die er einst unter Seufzern gesucht, nun liegt sie im stillen Glänze vor ihm. In der eigenen Heimat hat er die Wünschelrute gefunden. „Schläft ein Lied in allen Dingen, Die da träumen fort und fort, Und die Welt hebt an zu singen, Triffst du nur das Zauberwort." Und seiner Andacht zum Kleinen, die nie Andächtigkeit beim Kleinlichen war, baut er nun Altäre. Wie zu einer verlassenen Geliebten der Jugend war er zur Schriftstellerei zurückgekehrt. Was war das Schreiben einstens für Qual, als die grosse Arbeit kam! Als sein Kind zum ersten Mal die Schreibtafel in die Hand nehmen musste, wie hatte dieser den Eltern sonst so freudige Lebenseinschnitt ihm gar schwarze Gedanken gegeben! Jedes Wort, das er in der Knechtschaft des Berufes hatte aufs Papier geworfen, hatte er sich abzwingen müssen. Es waren Geständnisse, die nur die Folterpresse ihm abrang .... Nun ist sein Werk vollendet, und schaffensfreudig ist er nach altem Wunsche an seinen Schreibtisch zurückgekehrt. Heimgekehrt. Und meine Träume spinnen fort und fort an dem Gewebe und wirken Bilder und Blüten und Ranken in den bunten Teppich hinein. In den bunten Teppich? Ich blicke hin: Wo sind denn die Farben?! Ich starre und starre: Wo sind denn die Bilder, die Blüten und Ranken? Ist mein Auge denn trüb? Oder ist es die Nacht?! Ich sehe ja nur ein schwarzes Gespinst, ein schwarzes Tuch — ein Leichentuch. Und drunten ruht unser toter Fürst, unser Herzl ... PALASTINA. Von Dr. Theodor Herzl.*] Wir sind nicht als Vergnügungstouristen, auch nicht als Forschungsreisende nach Palästina gegangen, sondern wir hatten einen bestimmten politischen Zweck. Nachdem dieser erreicht war, haben wir uns unverzüglich auf den Rückweg begeben. Dennoch konnten wir selbst als Gäste auf eine kurze Weile einige Beobachtungen anstellen und uns von den Zuständen Rechenschaft geben. Traurig sieht es in vielem aus, aber über den verödeten, verwahrlosten Stätten lacht ein prächtiger Himmel. Und wo die Menschenhand sich regen durfte, hat ihr heiter eine unerschöpfliche Natur geholfen, die rascheste Fülle hervorzuzaubern. Die Resultate unserer Kolonisten, insbesondere derjenigen, *) Mitte Oktober des Jahres 1898 begab sich die aus den Herren Dr. Theodor Herzl, Dr. M. T. Schnirer, D. Wolflsohn, Dr. J. Bodenheimer und Ingenieur S*. Seidener bestehende zionistische Deputation nach Palästina, wo sie einer vorher getroffenen Vereinbarung gemäss von Sr. Majestät dem deutschen Kaiser empfangen werden sollte. Am zweiten November fand der Empfang im kaiserlichen Zelte zu Jerusalem im Beisein des damaligen Staatssekretärs von Bülow statt. Seine Majestät beantwortete die Ansprache Dr. Ilerzls in freundlichster Weise. Von den damals in der „Welt" publizierten Berichten der Teilnehmer der Abordnung sei diesmal die kurze Schilderung gebracht, die Dr. Herzl damals der „Welt" zur Verfügung stellte. Die Bilder sind nach Aufnahmen reproduziert, die Herr Ingenieur J. Seidener an Ort und Stelle gemacht hat. Von der Palästinareise der zionistischen Delegation. Vor dem Aufbruch.