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Ost und West · 1904-08-01 · Heft 8-9 (August-September 1904) · p. Seite 605 - 606

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 8-9 (August-September 1904)
Article
Zwei Herzlbilder
Date
1904-08-01
Page
Seite 605 - 606 (sequence 3)
Language
German
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605 Theodor Zlocisti: Zwei Herzlbilder. 606 hohen Politik blicken Hess und die Sinne schärfte für die Triebkräfte des Lebens in der Geschichte, sie sichtend und schichtend, der empfand in allem Werden, in allen harten Kämpfen immer den feinen Stimmungsduft, der über allem, was Mensch und Menschenwerk ist, liegt und liegen muss, weil es Gottes Schöpfung ist. Er sah mit den Augen der Zukunft in die eckige Gegenwart. So sie verlor ihre Härten und Schmerzen, weil sich ihm der verklärende Hauch des Vergangenen darüber legte und der Vergänglichkeit. Aus den Knorren und ungefügen Gestein der Tage baute ihm seine sonnige Phantasie die Tempel der Zukunft. Es war Höhenluft in seinen Träumen. Aber sie flackerten nicht in unruhigem Zittern. Sie waren ein Licht, das die Dunkelheit der kommenden Tage ihn erhellte. Es waren kluge Träume. Und doch wieder die Träume eines Kindes, eines Hirtenknaben auf Bergeshalden, der auf die Täler tief hinabsieht. Er konnte ja die Seele des Kindes wie kaum je einer schildern, ihre zarten Töne in uns nachklingen lassen. Er hatte es so einfach, denn er brauchte sich nur selbst zu geben. Es war eine eigene Mischung: weiches Empfinden, kluges Erkennen, hinreissende, aber gebändigte Phantasie, Energie und Fleiss, den keine Mühe bleichet, ein Stolz, der aller Dränger — der Menschen und Verhältnisse — überlegen spottet, und alle diese Eigenheit gewachsen auf einer ewig grünenden Kindesseele. Ein Träumer unter Nüchternen — ein Nüchterner unter Träumern. Nehmt alles nur in allem: er war ein Jude. Die vererbten Eigenheiten der Rasse von Kriegern, Ackersleutern und Hirten und die ausgezüchteten eines heimatlosen Dulder- und daher Sehnsuchtsvolkes waren in ihm zu harmonischer Entwicklung gereift. Aber er erkannte sich nicht selbst! Und darum gab es für ihn, der in unsere Zeit versetzt war, nur einen Beruf: die künstlerische Journalistik. Da kam der Geist des Herrn über ihn, der Geist Gottes, der der Gott unserer Väter ist. Und gab ihm zu sagen, was wir leiden. Es ist eines der grossen "Wunder der Seele. Er sah das Elend seines Volkes. Sein empfindsames Herz bebte unter den Schlägen der Feinde Israels. Sein Stolz bäumte sich hoch auf. Aber in seinem Oberbewusstsein erschien ihm diese innere Ergriffenheit doch nur wie die seelische Erschütterung, die ein tiefgehendes künstlerisches Problem giebt. Künstlerisch in dem sozial-ethischen Sinne, wie Herzl, der Feind der Tart pour Tart, ihn immer begriff. „Und alle diese armen Leute zusammen sind etwas Ehrfurchtgebietendes: die Menge. Die Menge, aus deren Schoss es ewig aufsteigt, mit deren Leiden wir Fühlung suchen müssen, wenn wir selbst zu einer neuen Sittlichkeit hinauf wollen. Der Weg in die Zukunft muss durch das Elend gehen. Da strömt alles zusammen." Das war Herzl's Stimmung in dem Jahre 1896, dem Jahre der grossen Wandlung. Und so setzte er sich — im höchsten Sinne des Wortes: ahnungslos! — hin und schrieb in fiebernden Stunden den „Judenstaat". Er schrieb! Denn Schreiben war sein Beruf. Und wusste nicht, dass er berufen war! „Und es geschah: ein jeglicher, so ihn kannte von gestern und ehegestern, als sie schaueten und siehe! Er weissagte unter den Propheten. Da sprach das Volk, einer zum andern: Was ist da dem Sohne des Kisch geschehen? Ist auch Schaul unter den Propheten?!" Die Leute lächelten: war das unser guter Herzl, der so lustige und so schön-traurige Feuilletons schreiben konnte. Er hatte noch vor kurzem über den Juden Daniel in Dumas' Femme de Claude so zierlich gespöttelt, weil er seines Stammes Heimat wiederfinden und seine zerstreuten Brüder heimführen wollte. Er spöttelte, bis ihn der Spott auf den Lippen erstarb. Er begann, in die Nöte des armen Volkes hineinzublicken. Er blickte um sich in den Kreis seiner Freunde, in die Seele seiner lieben Leser, die er ergötzen musste — und er erkannte sie nicht wieder. Er erkannte hinter der Maske der Selbstbelügung die bittere Not der Seelen. Die Freiheit, in der sie sich tummelten, war das die Freiheit? Ueberall sah er die unsichtbaren Mauern. Da stand ja noch das alte Ghetto. Nur hässlicher und schmerzlicher. Und die Mauern ringsum höher und steiler — und furchtbarer, weil keine steinernen Wälle mehr warnten und sich die Aermsten erstaunt daran ihre Schädel einrannten. Damals entstand „Das neue Ghetto". Das war 1895. Er blieb nicht stehen. „Geh mir aus den Augen. Du zerreisst mir das Herz." Das war ohnmächtiges Mitleid, aber doch eine erbärmliche Feigheit. Blitzartig war ihm der geheimste Sinn dieses seelischen Paradoxon aufgegangen: Und so wuchs in ihm „Der Judenstaat" empor. Herzl war unter den Propheten. Er weissagte. Er aber dachte, er schriebe nur. Innerlich ergriffener. Gewiss. Mit heiligem Ernste und geweihtem Empfinden. Aber er betrieb doch nur sein Handwerk, so dachte er. Lief nicht auch Schaul hinter den Eselinnen seines Vaters her, ganz Hirtenknabe in aller ragenden Schönheit? Und doch hielt über seinem Scheitel schon die Hand Gottes die Königskrone, die Judenkrone, die Scbmerzenskrone . . . Er schrieb sein Werk, weil er es schreiben musste. Es war ihm eine Pflicht gegen sein Volk. Ein stolzes Gebot, Ein innerer Drang, von dem er sich frei machen musste. Dann aber würden ihn wieder die Gestade des Meeres locken mit ihrem ewigen Rauschen, die Blumen auf den Wiesen, der törichte Ernst der Menschen, über die er lächeln, und die Bücher, um die er herumträumen konnte. „Ich selbst halte meine Aufgabe mit der Publikation dieser Schrift für erledigt." Und als man ihn aus dem kleinen Berliner Kreise, in dem auf heiligen Altären die Zionsliebe flammte, freilich nur mit dem trauten, aber kleinen

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