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Ost und West · 1904-08-01 · Heft 8-9 (August-September 1904) · p. Seite 603 - 604

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 8-9 (August-September 1904)
Article
Zwei Herzlbilder
Date
1904-08-01
Page
Seite 603 - 604 (sequence 2)
Language
German
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603 Theodor Zlocisti: Zwei Herzlbilder. 604 gut.) Die dunklen Augen haben ins Leben hineingeblickt, und aus all den Nöten, die sie sahen, legte sich ein trüber Flor auf sie; aber in allem Elend, das sie festhielt, flog ihnen doch noch eine stille, rettende Heiterkeit zu: eine seltsame Mischung. 1897 — ein interessanter Kopf! . . . 1903 — ein Gräberfeld. Frohheit ist begraben und der lustige Sinn der Jugend. Tiefe Nacht. Mit scharfer Sense war das Schicksal durch das Gelände dieser Seele geschritten; und dann hatte es mit wuchtigen Schlägen die goldig spriessenden Hoffnungen niedergerissen, dass sie in Schwaden sanken. Hinter der Stirn pochen Aengste; fiebernde Gedanken und schwarze Traumgestalten sausen durch das enge Gehäuse dahin, als wäre es tausend Meilen gross. In die Stirn hat der Schmerz seine stählerne Pflugschar gesetzt und tiefe, tiefe Furchen gezogen. Die edlen Züge sind verzerrt, zerknittert; die Wangen hohl und bleich wie Thronsessel des Todes. Und dann das Auge! . - . Breite Schatten kauern um die Lider, die welken, schlaffen. Sie haben lange nicht die müden, schlaflosen Augen bedeckt, die mit gesunkenem Trotz in die Ferne blicken — voll Wehmut wie das brechende Auge eines sterbenden Siegers, voll Verzweiflung wie eine Mutter, die ihre Hoffnung hinfiebern sieht, und hilflos wie ein Kind, das nach den Sternen tappt. . . . * * Zwei Bilder — zwei Sekunden aus einem Leben, das der Sekunden doch viele Millionen hatte. Hastig flogen die glücklichen Stunden der Kindheit dahin und die Knabenjahre. „Ueber Wolken Nährten seine Jugend Gute Geister Zwischen Klippen im Gebüsch. Jünglingsfrisch Tanzt er mit der Wolke Auf die Marmorfelsen nieder, Jauchzet wieder Nach dem Himmel. Und dann kamen dem Manne, der so gern tändelte, mit Horazens Seufzer: Eheu fugaces, Posthume, Posthume labuntur anni. Dann kamen dem Manne die Stunden, die Ewigkeiten waren. Voll des Jammers von Ewigkeiten. Wie ein Kind — mit dem Mute der Harmlosen! — war er an die Judenfrage herangetreten. Schier ein jesajanisches Bild: das Kind, das in die Basilisken- Höhle seine Händchen steckt. Er hatte mit dem Leben das Leben hatte mit ihm gespielt. Mit feinen Sinnen war er durch die lichte Welt gegangen. Am Strande liegen und in die wallenden Züge der Wolken blicken — über Felder streifen, in denen die gutmütige Sonne ihre stolze Kraft in duftigen, schlichten Wiesenblümchen verschenkt — er liebte die stillen Freuden der Natur, deren liebliche Sprache er verstand und wiederfand in der kleinen Poesie der Dinge des Alltags, an denen selbst die feineren Beobachter vorüberhuschen. Er war ein sinnender Lyriker voll reicher Träume, „zu stolz, um Gedichte zu schreiben". Aber aus den Winkeln und Nischen seiner Feuilletons, in denen seine Kunst sich versprühte, rauschen Verse. Und über dem Schmelz kleiner Worte liegt der würzige Duft heimlicher Poesie. Die Schönheit im Verschmähten, im Uebergangenen winkte ihm mit lautem Zauber. Spiegelte sich die Gottheit nicht auch in all den winzigen Geschöpfen? Und was ist alle Grösse? Werden und Vergehen. Dass wir die Schönheit so schnell lassen müssen! So mischte sich ein leichter Zug von Weltschmerzlichkeit in die sinnende Lust des Betrachtens. Er umflorte die Freuden des Lebens mit dem Hauche der Trauer, der Traurigkeit. Aber wie schön war doch wieder diese Traurigkeit! Die weichen, reichen Farben des Abends, hinter denen die schwarze Nacht lauert, wie sind sie so lieblich. Die Welt ist voller Melancholie und alles Sein, das sie füllet. Und es gibt der Melancholien so viele und so süsse. Die Süssigkeit der Melancholie — das Wort floss Herzl oft von der Feder. Und da er in die grosse Welt, in die Welt der Grossen eintrat, da sprosste ihm aus all der Weltschmerzlichkeit die lächelnde Ironie empor. Heine! Wie seid ihr doch so dumm, ihr grossen Leute; wie gespassig ist euer Tun. Morgen deckt euch die kalte Gruft. Seht die Blumen auf dem Felde! Sie sind klüger als ihr. Aber die Torheit der Menschen mit ihrem Dünkel lockte doch zu köstlichen Genüssen, so traurig sie war: die Süssigkeit der Melancholie. Und der Pessimismus, der nicht zum Nirwana strebte, sondern sich zum bescheiden-gesetzten Optimismus ausreift! Und so kam das Leben seinen Anlagen entgegen. Sie begegneten sich, da sie aufeinander zuschritten. Die überlegen schmunzelnde Ironie und ein aufrechtes Stolzgefühl — wie haben sie zueinander gestanden? Aber die Weltschmerzlichkeit adelte den Stolz zu seiner höchsten, reinsten und, ach, so seltenen Form, zur Bescheidenheit. Diese stolze Bescheidenheit, die sich nicht vordrängte, weil sie auch im Hintergrunde herausragt, gaben ihm, seinem Gehaben und seiner Rede etwas Gemessenes, etwas Majestätisches. Bewegung und Foimen waren keine Aeusserlichkeiten, sondern durchseelt von seinem Wesen. Bestimmtheit lag in ihnen und etwas autokratisch Niederzwingendes und doch wieder soviel Milde, Schlichtigkeit und Grazie. Und es charakterisiert ihn so fein, wenn er gern mit dem Gedanken spielt, welchen Wert wohl die Eleganz der Form für die Erhöhung der Art habe. Er war der vollendete Weltmann. Und doch hätte ihm das niemand geglaubt, der ihm je in die dunklen, träumenden Augen gesehen. Der für die anderen, für die Gesellschaft geschaffen schien, war doch ein Einsamer. Den der Beruf in das Gewühl der

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