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Ost und West · 1904-08-01 · Heft 8-9 (August-September 1904) · p. Seite 591 - 592

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Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 8-9 (August-September 1904)
Article
Herzl und die Historie
Date
1904-08-01
Page
Seite 591 - 592 (sequence 5)
Language
German
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591 Dr. Martin Buber: Herzl und die Historie. 592 mit dem Billigungsgefühl des Parteiführers auf; aber er kümmerte sich nicht weiter um dergleichen. Er Hess den Kongress tausend Francs für die Nationalbibliothek und tausend Francs für die Schule in Jaffa bewilligen; seiner Seele waren sie fremd. Einige unabhängig denkende Intellektuelle, welche die Partei verlassen hatten, waren in seinen Augen Renegaten, und Achad- Haam ein obskurer, hämischer Journalist. „TrachtenSie, sich zurBewegung zurückzufinden", schrieb er einmal an einen Vertreter des radikalnationalen Parteiflügels. Zur Bewegung! Er konnte nicht anders, als die Bewegung ganz und gar mit sich identifizieren. Das war die "Wurzel seiner grössten Schwäche, aber auch die seiner grössten Kraft. Er glaubte an sich selbst nicht als an eine Person, sondern als an die Sache. Dieser Glaube gab ihm die stete, unerschütterliche Energie, die ihn zu dem konsequentesten Tatmenschen der neujüdischen Aera machte. Dadurch, dass er die Massen und einen grossen Teil der Individuen um seine Sache gruppierte, entzog er manchen anderen Punkten der Bewegung die besten Säfte; aber es ist anzuerkennen, dass er sie dadurch an dem einen erwählten Punkte um ein gewaltiges Stück weiterbrachte. Es war das grosse Verdienst seines Buches, dass es den Weg zeigte. Es war das grössere und nie genug zu würdigende Verdienst seiner Tätigkeit, dass er den Weg ging. Es war ein enger Weg, aber er ging ihn. Er sah nicht nach rechts und links, aber er sah auf sein Ziel. Er zertrat manches junge Keimen auf seinem Wege, aber sein Schritt blieb fest. Er kämpfte gegen Andersmeinende, als wären sie- Feinde der Sache; denn die Sache und seine Tat waren für ihn eins, und seiner Tat fühlte er sich allein gewachsen. In diesem Gefühl war sein aufrechter, unerschütterlicher Optimismus begründet, und seine straffe, unermüdliche Energie. Er hatte den Stolz seiner Berufung, einen zuweilen zerstörenden, oft fruchtbaren Stolz. So konnte er in gleichmässig souveräner Haltung den widrigsten Hindernissen zum Trotz das leisten, was er geleistet hat. Seine Leistung kann man im wesentlichen wohl in einem Wort zusammenfassen: Formgebung. In einer Zeit des Gärens und Werdens, des Wogens und Treibens war er gekommen. Tausend Dinge bereiteten sich, noch war alles ungeklärt, Einfälle schwirrten hinüber und herüber, Pläne reiften still in verschwiegenen Herzen. Die grundlegenden Schriften waren geschrieben, die Gedanken lebten in der Diskussion, aber die Idee hatte sich zu keiner gemeinsamen Programmformel verdichtet. Es war eine Zeit der Ahnung und der Sehnsucht, der weiten Geistesflüge und der bebenden Seelenschwingungen. Es war die Zeit der Vieldeutigkeit, aus der noch alles werden konnte. Herzl brachte die Eindeutigkeit herein, seine Eindeutigkeit. Der geistige Stofi des Zionismus war eine noch unbestimmte Masse mit unendlichen Formmöglichkeiten. Herzl legte seine Hand mit festem, gestaltendem Druck darauf. Eine sichere, aber unachtsame Hand. Wieviel edle Möglichkeiten wurden getötet! Immerhin eine Künstlerhand. Die zionistische Organisation entstand. Fast will es mir erscheinen, dass es zu früh geschah. Aber nun war sie da. Nun hatte sich die Bewegung in einer Partei konzentriert. Zum Guten und zum Bösen. Zum Guten, weil nun ein Arbeitsorgan da war, das ein Werkzeug der grossen Doppelaufgabe werden konnte: der Gewinnung und der Vorbereitung von Volk und Land. Zum Bösen, weil nur die erste Hälfte der Aufgabe Geltung hatte, und weil auch sie allzu eng aufgefasst und behandelt wurde: die Gewinnung des Volkes als Agitation für den Beitritt zur Partei und den Beitrag zu den Parteiinstitutionen; die Gewinnung des Landes als diplomatische Tätigkeit. Dass das Volk zu kolonisationsfähigem Menschenmaterial erzogen, dass in dem Lande ein national organisiertes Zentrum der künftigen Ansiedelung geschaffen, dass Volk und Land von Grund aus erforscht werden muss*), diese Vorbereitungsaufgabe wurde fast gar nicht beachtet. Es wurde des weiteren nicht erkannt, dass die wahrhafte Gewinnung des Volkes nur auf dem Wege einer Regeneration der Herzen, und die wahrhafte Gewinnung des Landes nur auf dem Wege positiver Arbeit in Palästina geschehen kann. Und deshalb muss heute nach sechs Kongressen, im dritten Geschäftsjahre unserer einzigartigen Volksbank, nach dem verheissungsvollen Aufblühen unserer schönsten, bedeutungsvollten Institution, des Nationalfonds, vor allem nach sieben, von intensivster, hingehendster, energiedurchglühter Tätigkeit erfüllten Arbeitsjahren des Mannes, den wir verloren haben, heute muss gesagt werden: die Aufgabe liegt noch vor uns. Es ist noch alles zu tun. Von den politischen Erfolgen ist es schwer zu reden, weil das Material nicht zugänglich ist. Herzl war der erste Jude, der im Exil jüdische Politik gemacht hat. Das wird nie vergessen werden. Herzl hat im Namen unseres Volkes mit den Machthabern Europas verhandelt. Diese Tatsache kann in unserer Geschichte nicht unverzeichnet bleiben. Aber den Verhandlungen fehlte naturgemäss der staatliche Rückhalt, fehlte auch der kapitalistische. Und doch wollte er nicht jenen anderen Weg einschlagen, den Weg der langsamen, bescheidenen und aussichtsreichen Politik: der zweckdienlichen Besiedlung Palästinas *) Diese letztere Forderung wurde allerdings im „Juden- Staat" wiederholt ausgesprochen; die Ausführung ist jedoch zu einem Teil (Palästina) erst nach dem letzten Kongress in Angriff genommen, zum anderen (Judenstatistik) bis heute der von der Partei nicht einmal unterstützten persönlichen Initiative überlassen geblieben.

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