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Ost und West · 1904-08-01 · Heft 8-9 (August-September 1904) · p. Seite 593 - 594

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Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 8-9 (August-September 1904)
Article
Herzl und die Historie
Date
1904-08-01
Page
Seite 593 - 594 (sequence 6)
Language
German
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•593 Dr. Martin Buber: Herzl und die Historie. 594 mit jüdischen Äckerbauern und Gewerbetreibenden, ohne Autonomie, aber im Hinblick auf Autonomie; und zunächst den Weg einer ebenso bescheidenen und verhältnismässig einfachen Diplomatie: der Verhandlungen mit der Türkei wegen Aufhebung der die Besiedelung hindernden gesetzlichen Bestimmungen. Die Frage entzieht sich heute jedem weiteren Urteil. Und jenseits alles abschliessenden Urteils steht für uns auch, im Lichte der Historie betrachtet, die Persönlichkeit Theodor Herzls. Es ist uns nicht gegeben, seine heimlichste Art zu erschliessen, seinem Geiste den Ort zu bestimmen. Er, der den Zionismus zum Gegenstand des öffentlichen Interesses gemacht hat, war selbst im Grunde ein durchaus unöffentlicher Mensch. In manche äussere Konflikte eingestellt, die Weltanschauung und Parteiung, Denkgewohnheiten und Beruf umspannten, trug er in seiner Seele tief verschlossen schweren, unausgeglichenen inneren "Widerstreit, kaum bewusst, dennoch leidvoli. Er war hart und innig, masslos und haltungsvoll, vornehm und nachtragend, Stimmungsmensch und Tatmensch, Träumer und Praktiker. Das Rätsel seines Wesens ist ungelöst. Er war der Heros einer Uebergangszeit. Er war der Herr eines kranken Volkes. Seine grösste Tat ist die, die er nicht mit seinem Willen gewirkt hat: dass er diesem Volke ein Bild gab. Nicht das Bild eines wirklichen Menschen. Ein ideales Bild, ein aufrichtendes, ermutigendes Vorbild. So bilden die Dichter in ihren Werken ihren Wunsch von sich zur Gestalt; sie schaffen den, der sie sein möchten. Theodor Herzl war kein bedeutender Dichter im Wort und in der Kunstform. Er war ein grosser Dichter im Unbewussten des eigenen Lebens. Lebend, bauend, irrend, Gutes und Böses für sein Volk bewirkend, stellte er, ohne es zu wissen, eine Bildsäule auf vor dem Volke, die das Volk mit seinem Namen nennt. Eine Bildsäule ohne Irrtum und Fehle, mit den reinen Zügen des Genius, die Stirn durchleuchtet vom Glänze des Messias. Ein Geschenk der Illusion. Ein Geschenk der Gnade. T ZU DEN ANFÄNGEN DER HERZL'SCHEN TÄTIGKEIT. (Drei Brieie von Theodor Herzl.) Verehrte Redaktion! Ihrem Wunsche entsprechend, sende ich Ihnen einige von Herrn Dr. Herzls Briefen aus den ersten Jahren unserer Bekanntschaft. In bezug auf das erste Schreiben (vom 8. April 1896) habe ich einiges zur Erläuterung beizufügen und muss um Entschuldigung bitten, wenn ich dadurch von dem, was mich persönlich betrifft, mehr rede, als ich eigentlich sollte. Die Judenfrage hatte mich schon vor langen Jahren stark beschäftigt. Ich suchte nach einer Lösung, durch welche das Judentum regeneriert, vor Missachtung seiner selbst, vor Abtrünnigkeit bewahrt werden und die Stellung in der Welt wieder einnehmen könnte, zu welcher seine Vergangenheit und seine Begabung es berechtigen. Ich lebte in einer Umgebung, welcher das Interesse für jüdische Angelegenheiten zum grossen Teil verloren gegangen. Von den Juden des Ostens wusste ich wenig oder nichts, den Zionismus kannte ich nicht einmal dem Namen nach. Es war einige Zeit nachdem ich George Eliots „Daniel Deronda" gelesen, dass eines Tags — es war Anfangs der 80 er Jahre — der Gedanke plötzlich in mir auftauchte, die Verfasserin sei im Recht, das einzige Heilmittel für die Judenkrankheit liege in der Wiederherstellung eines jüdischen Staates in Palästina, hier sei das Ideal, welches unser Volk bewegen könnte, sich aufzuraffen. In diesen Zukunftstraum lebte ich mich mehr und mehr hinein, aber seine Verwirklichung, selbst das Eintreten weiter Kreise für die Jdee, lag für mich in weiter, weiter Ferne. Als ich später meine Gedanken niederschrieb, dachte ich nicht an eine Veröffentlichung, von der ich nur den Vorwurf der Lächerlichkeit erwartete, sondern an das Interesse, welches sie bei meinen späten

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