Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1904)
- Article
- Herzl und die Historie
- Date
- 1904-08-01
- Page
- Seite 589 - 590 (sequence 4)
- Language
- German
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589 Dr. Martin Buber: Herzl und die Historie. 590 als jetzt und in unmittelbarerer Zuversicht der Erfüllung gewärtig sein. Ihnen ist die Nation ein totkrankes Wesen, an dessen Sein ihr Sein mit unzer reissbaren, geliebten Banden geknüpft ist, an dessen Leben ihr Leben hangt, dessen Sterben ihr Sterben wäre; ein totkrankes Wesen, dem man aber nicht bloss die Gesundheit wiedergeben, sondern mit ihr die Unsterblichkeit schenken könnte. Die Unsterblichkeit — die auch ihre Unsterblichkeit wäre; denn in der Volksheimat würde ihr Wirken nicht mehr abbrechen, ihr Schaffen nicht mehr ins Leere gehen, der Strom ihrer Menschlichkeit sich nicht mehr in Wüstensand verlieren, sondern ihr Seelenwerk würde von Geschlecht zu Geschlecht getragen werden wie eine nie verlöschende Fackel in einem wunderbaren Fackeltanze. Für den Herzl des .Judenstaats" aber sind wir ein Volk, weil „der Feind uns ohne unseren Willen dazu macht* Und die gleiche Auffassung waltet allen Eigenwerten der Nation gegenüber. „Wir können doch nicht hebräisch miteinander reden . . . Das gibt es nicht . . . Wir werden auch drüben bleiben, was wir jetzt sind." Herzl ist später in manchem dem Judentum näher getreten; diese Grundauffassung ist ihm geblieben. Noch in „Altneuland" wird ein Judenstaat geschildert, der nicht eine einzige Institution, nicht ein einziges Kulturgut besitzt, in dem sich die Volkspersönlichkeit der Neuhebräer in ihrer Sonderart ausgeprägt hätte. Es mag hier nicht unerwähnt bleiben, dass diese Verschiedenheiten ihren wesentlichen Ursprung in Geburt und Erziehung hatten. Hess war ein Westjude, der, ein Nachkomme ostjüdischer Rabbinen, in der Kindheit jene tiefeingreifenden, die Lebensnote bestimmenden Eindrücke eines traditionellen und doch lebendigen, im letzten Grunde mehr nationalen als religiösen Judaismus empfangen hatte, die das am unmittelbarsten wirkende Dokument der jüdischen Kontinuität sind; und als er „nach einer zwanzigjährigen Entfremdung" zu seinem Volke zurückkehrte, hatte er dessen Geschichte mit dem grossen freien Blick durchforscht, den die eingeborene Liebe allein verleihen kann. Pinsker war ein Ostjude mit westlicher Bildung; er wuchs inmitten der jüdischen Massen auf, von ihrem Düster umgeben, von ihren Seufzern umklungen, mit hingegebenem Herzen; so durchdrang ihn in Blut und Nerven das Leid seines Stammes; er litt es nicht mit, er nahm es in sich auf, bis es ganz und gar sein Leid war, sein ureigenstes Leid, das er aus totwunder Seele hinausschrie: „Unser Vaterland — die Fremde, unsere Einheit — die Zerstreuung, unsere Solidarität — die allgemeine Anfeindung, unsere Waffe — die Demut, unsere Wehrkraft — die Flucht, unsere Originalität — die Anpassung, unsere Zukunft — der nächste Tag." Von Birnbaum, dem gegenüber die historische, das Lebensganze umfassende Perspektive naturgemäss unanwendbar ist, sei nur die meist glücklich wirkende Mischung von Ost- und Westjudentum erwähnt und die instinktstarke Erfassung der jüdischen Proletarierspyche — die das Urproblem der jüdischen Bewegung ist — aus einem Leben in voller nationaler Individualität und einem intensiven, nie unterbrochenen Sozialgefühl heraus. Herzl war ein Westjude ohne jüdische Tradition, ohne jüdische Kindheitseindrücke, ohne jüdische Erziehung, ohne in der Jugend selbsterworbenes jüdisches Wissen; er war in einem nichtjüdischen Milieu aufgewachsen und mit den jüdischen Massen nie in Berührung gekommen; keine menschliche Kreatur war ihm so fremd gewesen wie ein jüdischer Proletarier. Er war dem passiven Judentum treu geblieben, nicht aus Judentum, sondern aus Charakter; er trat in das aktive Judentum ein, nicht aus Judentum, sondern aus einer sich solidarisierenden Mannhaftigkeit. Er war ein ganzer Mann, er war nicht ein ganzer Jude. Ich habe seine Menschengestalt in ihrer schönen Grösse und Ueberlegenheit, in ihrer edlen Hingabe und Tatkraft, in ihrer geraden unbeugsamen Treue, auch in ihren menschlich weiten Irrtümern in diesen sieben Jahren des Kongresszionismus von Herzen bewundert; als Jude ist er mir immer halb und unvollkommen erschienen. Es ist grundfalsch, ihn als jüdische Persönlichkeit zu feiern. Spinoza und Israel Baalschem, Heine und Lassalle, auch Hess und Smolenskin waren Juden. In Theodor Herzl hat nichts elementar Jüdisches gelebt. Er war keine Offenbarung des Volksdämons. Die Seele unseres Volkes hat im Golus nur einige Worte gestammelt, die ihr Innerstes verkündeten; Herzl gehört nicht zu diesen Worten. Daneben wollen mir die Fehler seines Systems klein und unbedeutend erscheinen, die fast alle aus dieser Einen Tatsache herkamen. Der folgenschwerste war, dass er nie die jüdische Bewegung; als Ganzheit erfasste. Er hat nie begriffen, dass die zionistische Partei nur das bewusste Glied eines grossen Organismus, dass die zionistische Aktion nur der geordnete Teil einer grossen Evolution ist. Er hat den Zionismus ausschliesslich als etwas betrachtet, das gemacht wird, nicht: als etwas, das wird und an dem alles Machen, nur Vollstrecken ist; nicht als eine innere Entwicklung, die in ihren Aeusserungen von der arbeitenden Menschenhand nur gefördert werden* kann. So hat er auch an dieser Entwicklung; nicht fühlend teilgenommen. Er hat von der jüdischen Renaissance nie mit dem Herzen gewusst. Er las wohl mitunter Uebertragungeix von Bialiks Gedichten und sah sich Urys jüdische Titanen an; aber das alles war für ihn nur Propaganda. Er Hess den Aufruf eines Vereins jüdischer Mutualisten, der sich — eine trotz aller Schwierigkeiten überaus glückliche Idee — unter den rumänischen Handwerkern gebildet hatte, in die „Welt" geben und nahm Nachrichten voa der Gründung nationaler Arbeiterorganisationea