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Ost und West · 1904-08-01 · Heft 8-9 (August-September 1904) · p. Seite 587 - 588

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Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 8-9 (August-September 1904)
Article
Herzl und die Historie
Date
1904-08-01
Page
Seite 587 - 588 (sequence 3)
Language
German
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587 Dr. Martin Buber: Herzl und die Historie. 588 wird glücklich ergänzt durch den Realpolitiker; die Diagnose wächst ihm nie über die Prämissen der heilenden Tat hinaus. Er fasst die Tat positiver, praktischer, detaillierter auf als Hess; er erörtert oder streift doch mindestens die Fragen der Souveränität, der Neutralität, der Garantien, der Landnahme, der Nationalsubskription; er verlangt als Nächstes einen Nationalkongress (wie früher schon Laharanne), den er sich allerdings noch recht undemokratisch vorstellt. In der Wahl des Territoriums ist er nicht so instinktsicher wie Hess, für dessen historischen Sinn nur Palästina in Betracht kam; das machte die furchtbare, zur Aktion drängende Judenverfolgung. Doch erkennt er mit edler Besonnenheit, dass die Aktion nur eine langsame und allmähliche sein kann. „Weit, sehr weit entternt ist der Hafen, den wir mit der Seele suchen. . . . Dem tausendjährigen Wanderer jedoch darf kein noch so weiter Weg zu lang sein." Pinsker war es schon gegönnt, den Anfang der Tat zu schauen, zum Teil selbst zu lenken. Achad-Haam hat manches Dunkle und Traurige aus dieser Zeit erzählt. Doch es war ein Anfang. Mochte in der Kolonieengründung nicht alles rein und vorbildlich sein, die Bilu waren doch die ersten Heroen des neuen Judentums. Mochte auch mancher Geist halb und mancher Wille brüchig sein, es ging doch ein junger, befreiender Sturm durch die Herzen. Es war eine Zeit des Elends, es war eine Zeit der Hoffnung. Man hielt den Atem an und ging mit fiebernder Seele herum. Es war, als müsste ein Wunder geschehen, und manch einer fühlte zitternd in sich die Berufung erwachen. In dieser Zeit begann der zwanzigjährige Nathan Birnbaum in Wien eine Zeitschrift herauszugeben, welche „Selbstemanzipation" hiess. Fast zehn Jahre später, 1893, veröffentlichte er eine kleine Broschüre: „Die nationale Wiedergeburt des jüdischen Volkes im eigenen Lande". In diesen zehn Jahren war er, war die Bewegung herangereift, durch Arbeit und Nachdenken innerlich gewachsen. Gleichzeitig war die Bewegung auch äusserlich erstarkt, auf dem Wege natürlicher Evolution. Das zionistische Milieu entstand, zerklüftet und unfertig, aber verheissungsvoll. Es muss betont werden, dass ich hier nur den damaligen Birnbaum charakterisieren kann, nicht den späteren, schon durch das seither eingehaltene Pseudonym „Mathias Acher" gekennzeichneten, der über jenen hinauswuchs, in der „Jüdischen Moderne" und in späteren Arbeilen das zu vollenden sich anschickte, wTas Moses Hess begonnen hatte: die Synthese der nationalen und der sozialen Idee im Judentum, und sich dann immer weiter vom politischen Zionismus entfernte. Ich betrachte hier nur den Vorgänger Herzls, den Autor der Broschüre. Was diese an Neuem gebracht hat, ist zunächst die Vertiefung des jüdischen Nationalismus, namentlich nach der Seite der Kulturprobleme hin, dann das modern formulierte Postulat der „Staats- und völkerrechtlichen Gleichstellung" des jüdischen Volkes. Hier war in voller Klarheit die grundlegende volkspsychologische Einsicht ausgesprochen, dass die jüdische Nationalität in der inneren Eigenart des Volkes begründet ist, hier in konsequenter Weiterführung Hess'scher Gedanken die Möglichkeiten einer neuen jüdischen Kultur in Palästina erörtert, hier die schon heute vorhandenen Kulturkeime, insbesondere die Renaissance der hebräischen Sprache, gewürdigt. Hier aber auch wurden die Grundlinien einer nationalen Politik gezogen, die sich auf das Volk und die Völker stützt. Kaum drei Jahre später erschien Herzls „Judenstaat". Dieses kluge und energische Buch, mit der zusammengehaltenen Prägnanz seiner Forderungen, mit der überzeugenden Sachlichkeit seiner Begründungen, wirkte in einer Zeit des Gärens und Werdens, der Konventikel und Diskussionen vielfach klärend, mancherorten sogar befreiend. Man wird jedoch, wenn man das bis dahin ideell und programmatisch Erreichte überblickt, sich der Erkenntnis nicht verschliessen dürfen, dass die wesentliche historische Bedeutung des Buches lediglich in seinem Expose der Aktion beruht. Was Hess nur angedeutet, Pinsker skizziert, Birnbaum an einzelnen Punkten ausgeführt hatte, vollendete der „Judenstaat": er gab einen Entwurf des Weges. Das Ziel hatten jene ebenso richtig und teilweise mit weiter ausschauendem Blick bestimmt, die Ausgangspunkte hatten sie mit tieferem Verständnis der nationalen Idee, mit tieferer Ergründung des jüdischen Volkswesens dargestellt. Für sie war das völkerrechtliche Postulat einfach eine Konsequenz ihres Nationalismus: sie verlangten den „weiten, freien Boden" (Hess), das „eigene Land4' (Pinsker), die ,,Volksheimat" (Birnbaum) als Voraussetzung der Entwicklung des Judentums zu neuem Leben und neuer Kultur. Herzl ging ausschliesslich von der Notlage der Juden aus, der Abhilfe zu schaffen ist. Jene betrachteten die Judenfrage von innen, Herzl von aussen. Jenen war sie die Frage der Erhaltung und Regeneration einzigartiger, unvergleichbarer und unersetzlicher Werte, Herzl war sie ,,ein verschlepptes Stück Mittelalter". Jene sahen in der Assimilation eine verhängnisvolle Abirrung, Herzl erschien sie durchaus nicht unrühmlich", aber im grossen unmöglich; zweimal wiederholt er es im „Judenstaat": ,,Wenn man uns in Ruhe Hesse . . . aber ich glaube, man wird uns nicht in Ruhe lassen." Wenn man uns in Ruhe Hesse .. . Wenn es keine „Notlage der Juden" mehr gäbe, hätte dann noch das nationale Ideal die Flamme unserer Seele, das Bauen an der Volksheimat die Aufgabe unseres Lebens zu sein? Der „Judenstaat" sagt: nein, in einem Ton der Selbstverständlichkeit. Die wahren Juden sagen: dann erst recht! denn dann könnten wir mit freieren Köpfen und stärkeren Armen Grösseres leisten

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