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Ost und West · 1904-08-01 · Heft 8-9 (August-September 1904) · p. Seite 585 - 586

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Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 8-9 (August-September 1904)
Article
Herzl und die Historie
Date
1904-08-01
Page
Seite 585 - 586 (sequence 2)
Language
German
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585 Dr. Martin Buber: Herzl und die Historie. 5S6 bemüht, Theodor Herzls Persönlichkeit darzustellen, und möchte hier ein paar Worte über seine Bedeutung in der jüdischen Bewegung sagen. Wenn irgendwo, so ist es hier unerlässlich, historisch zu schauen. Die jüdische Bewegung, die alles umfasst, was sich an bewusst Jüdischem, aus dem Dunkel zum Lichte, aus der Gefangenschaft zur Freiheit, aus dem Vegetieren zum Schaffen bewegt — die in unserer Zeit die zionistische Partei und die nationale Gruppe der jüdischen Arbeiterpartei, die organisierten Schwitzarbeiter Whitechapels und die organisierten Kolonisten Palästinas, die Seufzerrhythmen der Jargondichtung und die monumentalen Symbole der jüdischen Bildkunst, die Gedanken Achad-Haams und die Taten Theodor Herzls umfasst —, diese jüdische Bewegung ist kein Ding von gestern und ehegestern und kein Werk einzelner Menschen, sondern das urtümlichste Lebensphänomen der jüdischen Nation, die zuerst ruckweisen und verworrenen, dann immer gleichmässigeren und geordneteren Reaktionsgeberden eines gefesselten, gepeinigten Volksorganismus. Ihre stärkste, sozusagen zentrale Energie, die Sehnsucht nach einem neuen Nationalleben in Palästina ist dieselbe, ob sie Tag lür Tag in bald dumpfem, bald schluchzendem Gebete, ob mitten in Jahrhunderten der Erniedrigung in einer gewaltsamen messianistischen Entladung, ob nach dem späten Eintritt in die europäische Zivilisation in den ersten ungelenken Schritten einer nationalen Politik und in den tastenden Versuchen einer vorbereitenden Arbeit an Volk und Land zur Aeusserung gelangt. Was ein einzelner Mann, und sei es auch der von einem grossen Teile des Volkes zur Diktatur erhobene, in der Bewegung geleistet hat, wie weit er es vermocht hat, Bote der Macht, die Herzen und Hände der neuen Juden erregt, oder nach seinem eigenen Worte „Diener am Licht" zu sein, kann nur bestimmt werden, wenn man zuvor seinen unmittelbaren Vorgängern ihren Ort angewiesen und gewürdigt hat, was sie an neuen und fortwirkenden Elementen in die Sache hineingebracht haben. Die richtige Fragestellung scheint mir diese zu sein: nachdem die durch die französische Revolution gekennzeichnete Entwicklung der Völker den Juden die Möglichkeit gegeben hat, nicht bloss als einzelne nach dem Glück der anderen Menschen, sondern auch als Volksganzes nach der Selbständigkeit der anderen Nationalitäten zu streben, welche Männer haben es verstanden, einerseits die uralte Idee im Geiste der neugewonnenen Kulturwerte zu erneuern, anderseits Bewusstsein und Willen der Judenheit neu zu beleben und zu aktivieren, und welchen Anteil hat jeder einzelne von ihnen an dem Werke der Generationen: der modernen Form der jüdischen Bewegung? Es seien hier nur drei von diesen Männern genannt, Repräsentanten drei verschiedener Zeiten, drei verschiedener Milieus: Hess, Pinsker, Birnbaum. Nur mit mancherlei Einschränkung dar! man Hess als Repräsentanten seiner Zeit bezeichnen. Er ist nicht bloss (wenn man von episodischen und fast wirkungslosen Kundgebungen absieht) der erste der Erwachenden, sondern auch der Erwecker des nächsten Geschlechtes, in dessen Welt schon viele seiner Gedanken gehören, dem einige seiner Gedanken sogar vorauseilen. Seine hegelisierende Geschichtsschematik mutet uns fremdartig, seine kräftige lebensvolle Synthese des Nationalen und Sozialen durchaus verwandt an. Sein Buch, das 1862 erschien, ist nicht bloss Bekenntnis, nicht bloss Proklamation, sondern auch und vor allem Verheissung; und es enthält Ideenskizzen, die der heutige Zionismus noch nicht zu Ende gedacht hat. Wenn er es erfasst, dass in den ostjüdischen Massen allein das lebendige Saatkorn der Zukunft ruht, wenn er, wie später Achad-Haam, in der Regeneration der Herzen die erste Aufgabe erblickt, wenn er in tiefer Erkenntnis des Volkstums die Bedeutung des Chassidismus für die jüdische Bewegung zu würdigen weiss, greift er den meisten Protagonisten der nächsten Generation voraus. Er hat aus der Fülle jüdisch - historischer und jüdisch - soziologischer Wirklichkeit, die ihm die schauende Kraft seines Gefühls zugetragen und die verbindende Kraft seines Denkens geformt hatte, die Theorie des jüdischen Nationalismus geschaffen, deren beide Grundsätze, die Erklärung der jüdischen Nationalität, deren Wiedergeburt ein Teil der grossen geschichtlichen Bewegung der modernen Menschheit ist, und die Forderung der Restauration des jüdischen Staates als Basis dieser Wiedergeburt die Grundsätze aller späteren Programmatik geblieben sind. Hess war ein Einsamer in einer Zeit, die für seine Idee noch nicht reif war. Ein breiteres Wirken war ihm nicht beschieden. Er konnte nur einzelne gewinnen, verwandte Geister, Söhne der Zukunft, wie er selbst einer war. Pinsker, der seinen Mahnruf „Autoemanzipation!" zwanzig Jahre nach „Rom und Jerusalem" in die Welt schickte, war schon von einer aufsteigenden, wenn auch noch schwachen Welle nationalen Bewusstseins getragen. Er ist demgemäss schon weniger Bahnbrecher, mehr Fortsetzer. Hess hatte die Lage des Volkes offenbart, Pinsker schilderte sie, stellte sie in kausalen Zusammenhang ein. Hess hatte die Seele der Nation entdeckt, Pinsker gab ihre Analyse. Analyse ist sein Grundelement. Mit dem Skalpel in der Hand geht er an die Probleme heran. Er analysiert die Emanzipation und zeigt, dass sie nur ein Postulat der Rechtslogik, niemals ein spontaner Ausdruck des Gefühls gewesen ist. Er analysiert den Antisemitismus und weist ihn als unheilbare Psychose nach. Er analysiert vor allem die jüdische Entartung selbst und charakterisiert in unvergesslicher Weise ihr schwerstes Symptom, die Anorexie, den Mangel an Bedürfnis nach nationaler Selbständigkeit. Der Analytiker

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