Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1904)
- Article
- Solon in Lydien
- Date
- 1904-08-01
- Page
- Seite 575 - 576 (sequence 4)
- Language
- German
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- Homer 1× ep/1025156
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575 Theodor Hcrzl: Solon in Lydien. 576 S. HIRSZENBERG. STUDIE ZU „GOLUS". grössten Gefahren, die jemals aut die Erde gekommen sind. Ich will nicht in der Sprache der Kinder und Frommen zu Euch reden, sonst würde ich über den Verwegenen klagen, der in das Schicksal der unsterblichen Götter eingreift und Persephone nicht mehr in die Unterwelt entsteigen lässt. Wir sind Männer, die hinter die Schleier geblickt haben. Wir wissen, was hinter dem Hierophantentum von Eleusis steckt. Das Feld bringt Früchte, nicht weil Demeter will, sondern weil es mit dem Schweisse des Arbeiters getränkt wird. Und dieser Bursche will das ändern. Sorglos will er die Menschen machen, dieser Verruchte. Das Beste, was sie haben, den Hunger, will er ihnen rauben. Was dann? Sollen die rohen Zeiten der Pelasger wiederkehren, soll mit dem Ackerbau die Sesshaftigkeit, der bürgerliche Sinn, die Gesittung abermals entschwinden? .... König der Lyder, töte ihn, wenn Du ein König bist!" „Solon, Du zermalmst mich!" ächzte Kroisos. „Ein König muss töten können," fuhr Solon erbarmungslos fort. „Aber nicht nur die Schlechten, die Missetäter, denn das wäre gar leicht und angenehm. Auch die Guten muss er tilgen, wenn es die Wohlfahrt des Landes heischt. Darum ist kein Irdischer über Dir, damit Du auch solches vollbringen könnest. Das ist die verschwiegene Rechtfertigung Deiner Macht. Dieser Fabeldichter da findet mich wahrscheinlich herzlos. Sei es drum. Du kannst mich auch in Deinen Gedichten als ein reissendes Tier schildern, Aesop! Du verdienst es, volkstümlich zu sein. Ich aber sage Euch, dass es keine grössere Tat in unserer Zeit zu begehen gibt, als die Vernichtung dieses sonnigen Jünglings, den ich vom ersten Augenblick an in mein Herz geschlossen habe. Ich werde um ihn weinen, wenn er stirbt; aber ich müsste stärker weinen, wenn er am Leben bliebe. Wenn wir ihn ermorden, haben wir uns um Hellas und die Welt verdient gemacht und werden den Lohn in unserem Bewusstsein tragen. Es wird eine stumme Grosstat sein, eine jener hohen, dem Verständnisse des gemeinen Mannes entrückten, die kein Geschichtsschreiber und kein Homer besingt." „Gemach!" sagte der König bewegt. „Noch ist es nicht beschlossen." „Allen Himmlischen sei Dank!" stiess Aesop erleichtert hervor. „Und ich will auch dem Musagetes ein besonderes Opfer dafür bringen, dass er mich keinen Politiker werden Hess .... Höre mich an, guter Solon! Wenn schon alles wäre, wie Du sagst — woher weisst Du, ob nicht morgen ein anderer dasselbe finden wird, was Eukosmos fand? Es ist ein Zufall, dass er gerade hierher kam, die Omphale lieben musste, und dass wir diese Dinge erfuhren. Den anderen werden wir nicht kennen, und er wird den Hunger auch abschaffen, was ich, nebenbei gesagt, nicht beklagen könnte. 'Denn ich, Solon, ich weiss, wie der Hunger schmeckt. Vielleicht bin ich darum ein volkstümlicher Poet." Solon entgegnete: „Ich würdige Deine Gründe, Aesop. Es ist möglich, dass Eukosmos einen Nachfolger bekommt. Die Frage ist nur: wann? Es können darüber Jahrtausende vergehen. Diese sind dem menschlichen Geschlecht nicht verloren, wie Du in Deiner dichterischen Gutmütigkeit meinst, sondern gewonnen. Wie hoch ist heute das Land der Griechen in der Gesittung, wenn wir es mit der alten Zeit vergleichen. Wir danken es dem Hunger, 4er uns die Arbeit lehrte. Die Arbeit veredelt sich in ihrer feinsten Blüte zur Kunst, gleichwie das Nachsinnen über den eigenen Vorteil sich bis zur erhabenen Philosophie steigern kann. Wer weiss, welche Atlantis noch auf unbekannten Meeren der Entdecker harrt. Ich kann mir denken, dass die Menschen einer späteren Zeit auf schnelleren Wagen von Athen nach Korinth reisen werden als wir. Ich kann mir sogar noch tüchtigere S. HIRSZENBERG. OELSTÜDIE ZU „GOLUS\