Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1904)
- Article
- Solon in Lydien
- Date
- 1904-08-01
- Page
- Seite 573 - 574 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2583875-2583918-2583927-2590551--04260-2590663- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
573 Theodor Herzl: Solon in Lydien. 574 „Was hast Du da? Gold?* erkundigte sich Aesop. „Mehr!" lächelte Eukosmos. „Viel mehr als Gold! . . . Mehl!" Der Fabeldichter wendete sich ergötzt an Solon: „Unser fürstlicher Wirt gibt uns noch ein Scherzspiel zum Besten." „Nein," schrie Kroisos etwas ungeduldig; „es ist Ernst. Wenigstens behauptet es dieser. Sprich, Eukosmos!" „Es ist Mehl," wiederholte der Jüngling von Bolissos. „Mehl, das ich selbst erzeugt habe." Aesop hielt sich den Bauch vor Lachen: „Nun ja, Du hast einen Acker bestellt, hast Korn geerntet und hast es dann zwischen Steinen zu Mehl zerrieben. Dergleichen habe ich schon manchesmal vernommen." Eukosmos blickte still über den Lachenden hinweg: „Ich habe keinen Acker bestellt, ich habe auch kein Korn geerntet, und darum konnte ich es auch nicht zwischen zwei Steinen zerreiben. Dieses Mehl habe ich auf andere Art gewonnen." „Auf andere Art?" murmelte Solon. „Und es gleicht dem alleibesten Weizenmehl," fügte Kroisos hinzu. „Die Brote, die wir heute beim Mahle hatten, waren aus diesem Stoffe." „Es war ein köstlicher Geschmack," staunte Aesop. Solon fuhr den Jüngling rauh an: „Treibe mit uns keine Possen, Knabe! Wenn sich der König auch von Dir belustigen lässt, so müsste Dich die Ehrfurcht vor gereiften Männern abhalten, ihnen solchen Unsinn vorzumachen." Eukosmos entgegnete ruhig: „Ich weis?, Du bist Solon, und ich ehre Dich. Beim ewigen Zeus schwöre ich Dir, dass es ist, wie ich sagte. Ich habe das Mittel gefunden, ohne Feldfrucht Mehl zu erzeugen. Ich mache es aus einem Stoffe, der in der Natur in unerschöpflicher Menge vorkommt. Ich kann davon so viel herstellen, als mir beliebt, und mit kaum nennenswerter Mühe. Die Jahresarbeit vieler Hundert Ackersleute kann auf meine Weise ein einziger Mann in einem Tage verrichten." „Nenne Dein Mittel," sagte Solon, „oder ich verachte Dich als einen Lügner." Eukosmos erwideite: „Ich besitze nichts als mein Geheimnis. Der König weiss, wofür ich es preisgeben will. Aber nur dafür, und für nichts anderes in der Welt. Eher lasse ich mich in Stücke reissen. Ich könnte es allmählich in Gold umsetzen, wenn ich nach niederem Gewinne lüstern wäre. Doch wem von den Göttern solche Gnade ward, wie mir, der darf das Köstliche nur gegen das Köstlichste hingeben. Am Tage, an dem mein Wunsch erfüllt wird, schenke ich der Menschheit für alle Zeit das Brot. Brot ohne Schweiss, von keinem Misswachse bedroht, im Ueberfluss, auf ewig . . . ." Kroisos sagte erschüttert: „Wir haben Dich gehört. Geh' und erwarte meine Entscheidung!" „Wenn dem so ist," meinte Aesop, „könnte er doch immerhin anfangen, Mehl für die Armen zu raachen. Warum sollen die auch nur eine Stunde unnütz hungern? Du magst Dein Geheimnis vorläufig für Dich behalten, lieber Eukosmos; wenn Du ein Herz im Leibe hast, und gewissen Leuten gefallen willst, die auch ein Herz im Leibe haben sollen, dann beginne mit Grossmut." „Gern!" sagte Eukosmos. „Der König möge mir nur bürgen, dass kein Versuch sein wird, mich zu belauschen, oder mir es abzulisten." „Eukosmos, mein Königswort!" S. HIRSZENBERG. STUDIE ZU „GOLUS«. (Rötelzeicluuing.) Der Jüngling verneigte sich und ging. „Nun, was sagen meine Freunde?" sprach Kroisos. als sie wieder allein waren. „Gib ihm Deine Tochter, König von Lydien!" schrie Aesop begeistert. „Und was ist Dein Rat, Solon?" „Töte ihn!" Kroisos und Aesop sahen den Athener bestürzt an. Es war eine eigene Flamme in seinem Blicke. Der König fasste sich zuerst: „Du meinst, Solon, wenn er mich belogen hat?* „Nein, König der Lyder! Du sollst ihn töten, wenn er die Wahrheit gesprochen hat!" „Solon, ich verstehe Dich nicht!" stöhnte Aesop. „Du willst den grössten Wohltäter des menschlichen Geschlechtes hinrichten lassen?" „Ich würde es mir keinen Augenblick überlegen/' erklärte Solon. „Aber ich!" rief Kroisos. „Ich bin zwar empört über den Burschen, der es wagt, die Hand nach meiner Tochter auszustrecken — aber ihn töten? Ich denke nicht daran." Solon erwiderte hierauf mit kaltem Zorn: „Dann bist Du nicht wert, ein König zu sein!" Aesop erschrak und wollte sich begütigend einmischen, aber Kroisos lächelte! „Ich bin König genug, um die harten Worte eines Mannes zu ertragen. Führe L)einen Gedanken aus, mein teurer Solon!iS „Mein Gedanke, Kroisos, ist einfach wie immer, einfach wie der Eure. Der Unterschied ist nur im Zeitmass. Darum hatten meine Athener, glaube ich, recht, als sie mir die Gesetze zu machen gaben. Ihr messt den Vorteil einer Sache nach Stunden, Wochen oder an jähren, wo ich mir Aeonen durch die Finger gleiten lasse .... Dieser junge Mensch ist eine der