Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1904)
- Article
- Solon in Lydien
- Date
- 1904-08-01
- Page
- Seite 577 - 578 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2583875-2583918-2583927-2590551--04262-2590665- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
577 Theodor Herzl: Solon in Lydien. 578 Schiffe denken als unsere gewaltigsten Trieren. Lähmet mir den Erfindungsgeist nicht! Vielleicht kommen auch noch wolkenlose Tage der Menschheit, in denen sie den Hunger nicht mehr braucht. In solche Ferne reicht freilich mein Blick nicht .... Kroisos, töte mir den Eukosmos! ... Du schwankst noch! Wohl, ich will Dir einen Vorschlag machen. Es lebt ein Mann, welcher von allen Griechen der Weiseste ist. Dieser möge unseren Streit entscheiden." „Thaies von Miletos?" sagte Aesop. „Thaies\" bestätigte Solon. „Gib ihm die ganze Sache bekannt. Unser Freund Aesop wird es mit seiner schönen Klarheit aufschreiben. Erzähle ihm nichts von mir. Er soll sein freies Urteil aussprechen. Was er sagt, das will auch ich als das Richtige anerkennen." „Gut!" rief Kroisos aus, der froh war, einem unmittelbaren Entschlüsse ausweichen zu können. „Thaies möge uns künden, was in diesem unerhörten Falle die Pflicht ist." Am anderen Morgen eilte die königliche Botschaft nach Miletos. Bald kam die Antwort des Weisen. Sie lautete: „König! Du musst mir eine Zeit des Bedenkens gewähren. Ich kann Dir in einer so schweren Gewissens frage nicht allsogleich mein letztes Wort angeben." Monde kamen und gingen. Von Thaies erschien aber keinerlei. Nachricht. Kroisos schickte einen anderen Boten hinüber nach Milet. Der Bote kehrte mit einer wunderlichen Meldung zurück. Thaies sei verreist, und man wisse nicht, wohin. Kroisos schüttelte unmutig das Haupt. Doch Solon sagte: „Lass' nur! Thaies weiss immer, was er tut. Du wirst sein Urteil hören. Wohlschmeckend wird es sein, gleichwie eine reife Frucht." In Sardes aber entwickelten sich die Dinge. Eukosmos war ein lieber Genosse des Königs und seiner Freunde geworden. Immer von neuem erfreute sie die Anmut seines Geistes, die Kühnheit und männliche Heiterkeit seines Wesens. Und wer ihn am stärksten liebte, das war Solon. Oft sprach er zu dem Jüngling: „Ich wollte, mein Sohn gliche Dir, wenn ich aus meiner Verbannung heimkehre und ihn wiedersehe!" Da pflegte wohl Kroisos den Gast vertraulich beiseite zu nehmen und ihn zu fragen: „Nun, bist Du immer noch Deiner Ansicht?" „Immer noch!" war Solons unbeugsame Antwort. Auch der holden Omphale durfte Eukosmos ungehindert sich nähern. Er gestand ihr seine Liebe, und es war Frühling. Es war Frühling, als Omphale ihm erwiderte: „Eukosmos, auch ich liebe Dich und will Dein Weib sein, wenn Deine Probezeit vorüber ist." Denn sie wusste nur von einer unbestimmten Probezeit, die ihr Vater dem Freier auferlegt hatte. Es war aber ein sonderbarer Frühling in Lydien, der die Leute froh und schwer machte. Ein unerklärter Reichtum hatte sich über das Land ergossen. Wenigstens gab es keine Darbenden und Bettler mehr. Das hatte mit den unentgeltlichen Meblverteilungen vor einigen Monaten begonnen. Diese erfolgten im Namen des Königs zu Sardes und in allen übrigen Städten und Gemeinden des Landes. Anfänglich nahmen nur die Aermsten die Gabe. Doch da der Vorrat unerschöpflich schien, wie die Gnade des guten Herrschers, und da sich jeder soviel Mehl holen konnte, als er für sein Haus brauchte, kamen nach und nach auch die anderen. Es war ein Leben wie S. HIRSZENBERG. STUDIE ZU „GOLUS«. (Kohlezeichnung) am öffentlichen Brunnen. Man zog mit vollen Eimern ab. Einige suchten die Erklärung des wundersamen Vorganges, und da fanden sie scharfsinnig heraus, dass es dem Kroisos durch eine glückliche auswärtige Politik gelungen sei, den Brotbedarf des Landes in solchen Massen einzuführen. Die meisten nahmen es ohne Kopfzerbrechen hin und freuten sich der Gottes-