Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1904-08-01 · Heft 8-9 (August-September 1904) · p. Seite 571 - 572

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 8-9 (August-September 1904)
Article
Solon in Lydien
Date
1904-08-01
Page
Seite 571 - 572 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2583875-2583918-2583927-2590551--04259-2590662
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

571 Theodor Herzl: Solon in Lydien. 572 — sang sich Solon in glücklichen Hexametern die Schmerzen von der Seele weg. Wie in den Tagen seiner Jugend war er nur noch ein Kaufmann und Poet. In Aegypten nahm er zuerst längeren Aufenthalt. Hier waien Psenophis von Heliopolis und Sonchis von Sais die Gesellen seiner nachdenklichen Stunden. Diesen klugen und gelehrten Priestern verdankte er die «erste Kunde von der Insel Atlantis, die in wundervollen Tagen jenseits der Säulen des Herakles schimmerte und von der Oberfläche des Meeres verschwunden ist, weil sie so herrlich war. Nachdem er sich mit -der Weisheit der Aegypter vollgesogen hatte, wie ein Schwamm, fuhr Solon weiter. Auf Cypern war er der willkommene Gast eines Herrschers, dem er die königliche Gastfreundschaft solonisch vergalt. Er riet und half dem Könige, dessen Stadt Aepeia auf einer ungünstigen Anhöhe lag, die ganze Stadt hinunter in eine prächtige Ebene zu legen. Denn der Blick Solons war immer ins Grosse und auf das Wohl der Menschen gerichtet. Der König gab der neuen Stadt zu Ehren des edlen Atheners den Namen Soli. Von da reiste Solon nach Sardes, zu Kroisos, dem überreichen Könige der Lyder. Kroisos wollte anfänglich nach Ait unvornehmer Leute durch die Vorzeigung seiner Schätze auf Solon Eindruck machen. Der Grieche betrachtete diesen aufdringlichen Prunk höflich und gelassen. Er brach nicht in die von Kroisos erwartete Bewunderung aus, was den eitlen Herrn von Lydien ein wenig schmerzte. Dennoch blieb er seinem Gaste wohlgesinnt und ertrug sogar dessen allzu philosophische Bemerkungen — über das wahre Glück — mit Geduld. Wenn Solon in seiner freiwilligen Verbannung meinte, dass niemand vor dem Tode glücklich zu preisen sei, so wusste das Kroisos besser. Er war glücklich. Lydien, das reiche, gehörte und gehorchte ihm. Von Persern oder Griechen gab es nichts zu fürchten. Im Innern war eine Ruhe, die das Herrschen zur lauteren Wonne machte. Dazu kam das Behagen der Familie. Dem Kroisos blühte eine Tochter, Omphale genannt nach jener sagenhaften Königin von Lydien, und lieblich anzuschauen in ihrer Jungfrauschaft. Kroisos verstand es aber auch, sich das Leben auf erlesene Art zu zieren. Er schuf sich Genüsse des Geistes, ohne die Reichtum und Macht nur den rohen Gemütern Freude bereiten. Künstler und Philosophen bewirtete er mit Anmut, und die besten Männer von Hellas waren ihm Freunde. So war um diese Zeit auch der Fabeldichter Aesop sein Gast in Sardes. Diesem aufgeklärten Poeten verriet Kroisos in traulicher Stunde sein Erstaunen über Solons Kälte. „Wundere Dich nicht, o König," rief Aesop; „so sind die Weisen. Das Vorübergehende berührt sie nicht. Sie spielen immerfort mit dem Gedanken der Ewigkeit, wie Kätzchen mit einem Knäuel Wolle." Solon hielt sich zu Sardes lange auf, und Kroisos empfand von Tag zu Tag mehr Achtung für den Athener, der so unbeugsamen und dabei milden Sinnes war. Er gewöhnte sich, Solon in allen wichtigeren Sachen des Staates um Rat zu fragen. So lagen sie -einst beim Symposion, der König, der attische Politiker und der Fabeldichter, die Häupter mit Rosen bekränzt. Kroisos hatte schweigsamer als sonst seine Trinkschale geleert. Tanz und Flötenspiel vermochten nicht, seine Stirne zu entwölken, indessen die beiden anderen in halkyonische Träume versanken. Des Königs Laune fiel endlich dem Aesop auf. „Ich will euch den Grund sagen, meine Freunde," sprach der König, und er winkte den Sklaven, dass sie sich entlernten. Dann fuhr er fort: „Heute ist die schwerste Aufgabe meiner Regierung an mich herangekommen, plötzlich wie das Schicksal. Nie habe ich in meinem Gemüte die Götter so heiss angefleht, sie mögen mir den Weg zeigen." „Was ist es, Kroisos?" sagte Solon ruhig. „Ein Jüngling von ionischer Herkunft aus Bolissos auf Chios ist vor mir erschienen und hat meine Tochter Omphale zum Eheweibe verlangt." „Ist er aus königlichem Blute?" fragte Aesop. „Er ist vielleicht mehr als alle Könige," antwortete Kroisos; aber sein Vater schafft nur als armer Handwerker zu Bolissos." „Ich verstehe Dich nicht," meinte Solon. Und Kroisos sprach: „Der Jüngling behauptet, er habe etwas gefunden, das die Not der Menschen für immer von der Erde verbannen wird. Er will es mir, nein, den Lydern, oder vielmehr allen Menschen zum Geschenke machen. Als einzigen Lohn fordert er dafür meine Omphale, die er unendlich liebe?" „Der Bursche hat keinen schlechten Geschmack," schmunzelte Aesop. Solon aber forschte: „Was ist das für ein Mittel,, das er gefunden haben will?" „Er soll es euch selbst erklären," rief Kroisos und befahl, den Jüngling zu holen. Eukosmos von Bolissos trat ein. Er war von edler Gestalt. Den ionischen Chiton trug er mit Anstand. Sein Gesicht war wie Milch und Blut, und seine Wangen leuchteten aus dem hellbraunen jungen Bart heraus. Besonders stolz und lachend herrschten seine blauen Augen. „Eukosmos!" sagte der König sanft,„dies sind meine Freunde. Du magst frei vor ihnen reden, wie Du zu mir gesprochen hast. Gib uns Dein Wundermittel an." „Hier ist es," sprach Eukosmos mit einer warmen Stimme, die den Männern zu Herzen ging, und er hob ein Säckchen hoch. S. HIRSZENBERG. STUDIE ZU „GOLUS". (Kohlezeichnung.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.