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Ost und West · 1904-08-01 · Heft 8-9 (August-September 1904) · p. Seite 569 - 570

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 8-9 (August-September 1904)
Article
Solon in Lydien
Date
1904-08-01
Page
Seite 569 - 570 (sequence 1)
Language
German
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569 570 SOLON IN LYDIEN. Von Theodor Herzl. Solon war in der Kraft seiner Jahre und seines Geistes, als er sich entschloss, Athen zu verlassen. Auf den Kyrben standen seine Gesetze, aber den Bürgern waren sie noch allzu neu. Täglich kamen Männer aus allen Kreisen und betrachteten mit Staunen oder Unwillen die Axones des Solon. Sein Freund Hipponikos redete ihn daraui an: „Du siehst, wie Deine Gesetze allen Steuerklassen missfallen." „Weil sie neu sind, Hipponikos. Meine Gesetze sind noch nicht gut, aber auch noch nicht schlecht. Junge Gesetze gleichen in manchem dem Weine. Sie müssen reifen, nachdem sie fertig geworden sind." „Mein Solon, Du hast es keinem recht gemacht. Ich wundere mich nicht, dass die Pentakosiomedimnen, die Ritter und auch die Zeugiten wider Dich sind, denn Du bist ein Freund der vierten Klasse, zu der Du selbst nicht gehörst. Aber auch die Theten murren in ihrem Innern, und wenn sie Dich nicht so blind verehrten, weil ihnen Deine Seisachtheia das Schuldenzahlen erleichtert hat, sie würden wohl gegen Dich aufstehen." „Gesetze, Hipponikos, können nicht allen Leuten behagen. Der ist ein Tor, ein Träumer, wenn nicht ein Schurke, der durch Gesetze irgendwen zufriedenstellen will. Das Gesetz kann nur auf der Unzufriedenheit aller beruhen." „Ein Tyrann könnte nicht anders denken." „Nur würde er es nicht sagen, mein guter Hipponikos. Der geheime Sinn meiner Gesetze war es, eine erträgliche Unzufriedenheit aller herzustellen. Dieser Zustand ist nun erreicht. Ich habe noch die eine Sorge, wie ich ihn auf die Dauer erhalte. Denn das vermag nur ich allein." „Du willst also König werden, Solon?" „Nicht doch! Wie wenig verstehst Du mich, und bist mein Freund! Ich wäre zwar fähig, Attika auch dieses Opfer zu bringen und in der Akropolis den Sitz meines hohen Ahnherrn Kodros einzunehmen. Welcher von den Eupatriden wollte mir es wehren? Doch wozu sollte ich das Abenteuer Kylons wiederholen? Denn bald wäre ich ein Kylon, meine Ordnung sähe aus, als hätte ich sie zu meinem Vorteil ersonnen, und es würden Demagogen die Unzufriedenheit ausbeuten, die der geheime Reichtum meiner Gesetze ist. Schon ängstigt mich meine eigene Macht, weil sie eine Gefahr für mein Gesetz bedeutet. Sieh', es kommen alle Tage Männer von der Küste oder aus den Bergen zu mir und fragen mich, ob sich meine Verfügungen nicht irgendwie erleichtern Hessen. Ich äls der erste Archon, der Allgewaltige, könne doch tun und lassen, was ich wollte. Aber soll ich, wie Penelöpeia, nachts auftrennen, was ich bei Tage gewoben? t>ann gibt es wieder andere, namentlich unter den kleinen Handwerkern& die möchten den Grund einzelner Bestimmungen erfahren. Aber es wäre vergebene Mühe, dürfte wohl auch schaden, wollte ich den einzelnen erklären, was nur vom Staate aus gesehen verständlich wird. Es gibt Härten in meinem Gesetze, und manchmal jammern mich die Menschen, denen ich weh tun muss. Könnte ich mein Archonten-Amt niederlegen, mir wäre besser zu Mute. Aber sie würden mich in jeder Not wieder rufen, weil ich in Attika der einzige bin, dem alle vertrauen. Dann käme ein Tag, an dem ich aus Mitleid oder um mir die Volksgunst zu erhalten, ein Loch in meine Tafeln schlüge. Ich bin ein Mensch,Hipponikos, und misstraue meiner Schwäche." „Das ist freilich eine böse Lage," sagte Hipponikos nachdenklich. „Und was gedenkst Du nun zutun? Ich sehe einen Entschluss in Deinen Augen." „Ich dachte ans Sterben. Es wäre gross, wie Kodros Opfer, wenn ich den Giftbecher leerte. Niemand hätte dann die Kraft, meine Tafeln zu ändern. Aber Athen wird mich noch brauchen. Lykurgos und Miltiades, des Kypselos Sohn, undMegakles und mein Verwandter Peisistratos würden das Land nach meinem Tode mutmasslich in Fetzen reissen. Den Peisistratos, der sich auf die missgestimmten Diakrier stützt, halteich für den gefährlichsten, weil er der Liebenswerteste ist. Darum will ich es so einrichten, dass ich dem Volke nicht völlig verloren gehe, wenn ich mich ihm auch entziehe. Ich will eine lange Reise unternehmen. Ich lasse mir von den Bürgern Urlaub geben. Bis ich wiederkomme, werden ihnen meine Gesetze in Fieisch und Blut übergegangen sein. In meiner Abwesenheit wird niemand mein Werk zu ändern wagen aus Furcht vor meiner rächenden Heimkehr. Der ferne Solon ist schrecklicher, als der, den sie täglich sehen können. So schütze ich meine Tafeln vor Parteien und Tyrannen und vor mir selbst." So tat Solon. Es war sein Gedanke, zehn Jahre dem Vaterlande fern zu bleiben. Den Bürgern machte er begreiflich, dass er nach erfüllter Archontenpflicht nun auch seiner eigenen Geschäfte eingedenk sein müsse. Denn er mochte keinen Vorteil für sich vom Staate haben. Er war ein Kaufmann und wollte nichts anderes sein. Solons Abschied betrübte die Athener sehr, und die allgemeine Unzufriedenheit wandelte sich in Dankbarkeit und Rührung, da der Gesetzgeber von dannen zog. Solon segelte wohl über das weinfarbene Meer. Mit liebendem Blick sah er zurück nach der Küste Attikas, die in einem Sonnenstaube verblasste, verdämmerte und entschwand. Seine Brust hob sich in Seufzern, und die Augen waren ihm ganz voll Tränen. Da ward ihm die Dichtung zu einem guten Trost, und dieweil das Schirl an den rosig überhauchten Kykladen vorüberglitt, vorbei an Andros, Tenos, Naxos, vorbei auch später an Rhodos, hinaus ins karpathische Meer 3* S. HIRSZENBERG Studie zu „Golus". (Kohlezeichnung.)

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