Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1904)
- Article
- Theodor Herzl
- Date
- 1904-08-01
- Page
- Seite 565 - 566 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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565 Max Nordau: Theodor Herzl. 566 Er war es, nicht so sehr durch jeden einzelnen seiner vielen Vorzüge, als vielmehr durch deren wundervolle Vereinigung in einer Person. Er war ein Schriftsteller von sehr grosser Begabung, und wenn er sich hätte konzentrieren, wenn er sich hätte ganz seiner Kunst widmen können, er wäre gewiss im deutschen Schrifttum eine hervorragende Gestalt geworden. Er wäre in die erste Reihe gerückt. Aber ich weiss nicht, ob er der erste Schriftsteller seines Geschlechtsalters geworden wäre. Er war ein hervorragender Redner: ruhig, sprachgewandt, einfach, immer voll Mass und Geschmack. Seine Form war von einer tadellosen Eleganz, auch in der Stegreifrede. Seine Geistesgegenwart verliess ihn nie. Vollkommen Herr seiner selbst, war er schon dadurch Herr über die aufgeregtesten Versammlungen und die leidenschaftlichsten Erörterungen. Aber er misstraute sich selbst und zog der Improvisation die schriftliche Vorbereitung seiner Reden vor, die er ablas, was natürlich deren unmittelbare Wirkung einigermassen abschwächte, und von seinen wohlbedachten, verständigen, überredenden Worten ging nur selten jener grosse Hauch aus, der auch den Zweifler autwirbelt und berauscht. Er hatte eine fruchtbare, schöpferische Einbildungskraft, die für alle Schwierigkeiten Lösungen zu ersinnen und Bilder von hoher Schönheit hervorzuzaubern wusste. Aber seine Dichterphantasie überflügelte doch nicht die von Georges Eliot, deren „Daniel Deronda" von manchen seinem ,,Altneuland" vorgezogen wird. Er hatte einen durchdringend praktischen Sinn, und er hat ihn bewiesen in dem Organisationswerk der zionistischen Bewegung, der Kongresse, der Jüdischen Kolonialbank und des Nationalfonds. Aber auf diesem Tätigkeitsgebiete können sich die grossen jüdischen Finanziers, Gewerbeleiter, Kaufleute, Verwalter für ihm ebenbürtig halten. Weniger Dichier als JEIeinrich Heine, weniger Redner als Disraeli, weniger phantasiereich als die Christin Eliot, weniger Administrator und Organisator als etwa ein Baron Hirsch, war er nichtsdestoweniger grösser als jeder von diesen, weil er all das zugleich war. Und er war noch etwas anderes. Sein Geist war genährt und geschmückt von der modernsten, aufgeblühtesten Gesittung Westeuropas, und sein Herz schlug doch zugleich im Gleichtakt mit den jüdischen Herzen des traditionellsten Osteuropas. In den Dienst der dichterisch kühnsten Konzeption stellte er die vorsichtige, überlegte Methode des mit nüchternster Berechnung abwägenden Staatsmannes. Und um nicht ausser acht zu lassen: Er war auch durch jene Aeusserlichkeiten, durch S. HIRSZENBERG. STUDIE ZU „GOLUS\ (Kohlezeichnung.)