Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1904)
- Article
- Theodor Herzl
- Date
- 1904-08-01
- Page
- Seite 567 - 568 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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567 Max Nordau: Theodor Herzl. 568 jene Zufälligkeiten begünstigt, die in den menschlichen Dingen eine so grosse Bedeutung haben. Er war schön, er war gross und wohlgestaltet, er hatte die edle Denkerstirn, das schwarze gebietende Auge, das bezaubernde Lächeln, die warme, starke, weittragende Stimme. Er ward geboren, er wuchs auf im Wohlstand, sein natürlicher Stolz hat niemals die Demütigungen der Armut gekannt, und sein Blick hatte immer die Gewohnheit, gerade und voll den seines Gegenübers zu treffen, auch wenn er ein Kaiser, ein König oder der Papst war. Die materielle Unabhängigkeit hatte sein Rückgrat gestärkt, das niemals gelernt hat, sich knechtisch zu beugen. Das jüdische Volk hat viel Begabungen hervorgebracht, aber sie waren selbstisch oder unvollständig. Wir hatten Heines, aber sie sangen die Liebe, den Rhein und die Wallfahrt zur Muttergottes von Kevelaar; Jehuda Halevys, aber ihre jüdische Sehnsucht gab sich ganz aus in einem harmonischen Lyrismus: Disraelis, aber was sie schufen, das war der britische Imperialismus; Manasse Ben Israelis, aber ihr Ideal beschränkte sich auf die Erlangung der Zulassung von Juden in England; Simsons, „geborene Präsidenten", aber sie Hessen sich taufen, um den politischen Versammlungen Deutschlands Vorsitzen zu können; Mendelssohns, Apostel westlicher Gesittung, aber sie lehrten die Verachtung der traditionellen jüdischen Werte. Zum erstenmal seit zweitausend Jahren hatte das jüdische Volk einen Mann hervorgebracht, der wundervoll europäisch und zugleich enthusiastischer Jude war; dessen Leidenschaft der grundstürzendste Fortschritt war und der damit einen prachtvollen Geschichtssinn verband; der zugleich Dichter und Staatsmann des jüdischen Gedankens war; der Präsident, Redner, Organisator, Träumer und Tatenmensch war; der vorsichtig war, wo er es sein durfte, und wagemutig, wo er es sein musste; der bereit war zu allen Opfern, und sogar zum Martyrium, soweit es ihn betraf, doch von einer unerschöpflichen Nachsicht und Geduld für alle anderen; der stolz war, vornehm, voll Würde und dennoch bescheiden und brüderlich gegenüber den Einfachsten und Niedrigsten. Dieser Mann war Theodor Herzl, und wir haben ihn verloren, da er 44 Jahre alt war. * * * Wir wissen, was ihn getötet hat, sprechen wir nicht davon. Ich will nicht bitter werden. In meine Trauer soll sich kein Zorn mischen. Ich höre um mich ein Gerede: „Ein Mann der Oeffentlichkeit muss eine dicke Haut haben. Er muss gepanzert sein gegen Angriffe und gegen Verleumdungen." Unselige! Glaubt Ihr denn, dass er, wenn er unempfindlich gewesen wäre, den Judenschmerz heftig genug gefühlt hätte, um sein Behagen aufzugeben, um sich von seiner vielverheissenden Schriftstelleiiaufbahn abzukehren und sich in den lodernden Brand des zionistischen Kampfes zu stürzen? Seine zarte Empfindlichkeit eben war es, die ihn zum Begründer und zum Führer des Zionismus machte, aber sie Hess ihn auch grausam alle Wunden fühlen, die rohe und heimtückische Feinde ihm schlugen, und sie war es, die schliesslich sein armes, gemartertes Herz zermalmte. * * * Und die Zukunft? Ich bewahre alle meine Hoffnungen. Aber für den Augenblick möge man mich nichts fragen in Hinsicht auf die Zukunft; meine Tränen hindern mich noch, sie klar zu sehen. Paris, den 12. Juli 1904. 6in unbekanntes Gedicht Theodor f)erzls* (Gewidmet der Brcslauer Zionistischen Vereinigung gelegentlich des JVIaccabäerfestes im Jährt 1904.) Dreht Ihr euch in frohem Reigen, Sollen Gram und Sorge schweigen, Und in solcher jungen J^acbt Sei nichts Crauriges gedacht . ♦ ♦ Dennoch mögt Ihr f)errn die schlanken Mädchen werben dem Gedanken 1 Morgenländ'scher Rosen Duft «lebet köstlich durch die Hüft; Glauben werden Zions Söhnen, Dass es herrlich sei, die Schönen. TOen. Dann, wenn diese flacht entschwand, Rötet sich der ßimmelsrand. Und die Rerzen werden schlagen: Dort im Osten will es tagen. Cbeodor ßerzl.