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Ost und West · 1904-08-01 · Heft 8-9 (August-September 1904) · p. Seite 563 - 564

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Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 8-9 (August-September 1904)
Article
Theodor Herzl
Date
1904-08-01
Page
Seite 563 - 564 (sequence 1)
Language
German
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564 THEODOR HERZL*) Von Max N ordau. Mehr als acht Tage sind es jetzt her, dass mich die entsetzliche Nachricht zerschmetternd getroffen hat, und ich habe mich von diesem Keulenschlag noch immer nicht erholt, und ich bin noch immer ganz davon betäubt, und ich muss noch immer eine qualvolle Anstrengung machen, um mir die Tatsache zu vergegenwärtigen, dass Theodor Heizl tot ist. Wie? Er, der Hochwüchsige, Starke, Unerschöpfliche, immer in Schwingung und Spannung, überschäumend von Geisteskraft und Einfällen, er, der um zehn Jahre Jüngere, ist vor mir dahingegangen! Und ich muss ihn beweinen! Und ich muss ihm den Nachruf halten! Aber das ist ja ungerecht bis zur Unerträglichkeit! Aber das ist ja so ungeheuerlich, dass man aufschreien möchte! Von allen Seiten tritt man an mich heran, ich möchte doch über ihn schreiben, weil man weiss, dass ich ihn mit tiefer Freundschaft geliebt habe, die in demselben Masse triebhaft wie bewusst war. Bisher habe ich mit Heftigkeit abgelehnt. Ich verabscheue es, mich zum Schauspiel herzugeben. Ich mag nicht schluchzen im Angesicht von aller Welt. Wenn ich einwillige, hier die erste Ausnahme zu machen, so ist es, weil ich mich hier an allernächste Freunde wende. Wir verstehen uns auf Andeutungen hin. Hier erwartet man nicht, dass ich aus Anlass von Herzls Tod Literatur mache. Ich wäre dazu nicht imstande. Ich kann nur Klagen laut werden lassen, ohne darauf zu achten, dass sie kunstvoll aneinandergereiht sind. Und sogar in dem Augenblick, da ich meine Feder nur den Eingebungen meines Schmerzes folgen lasse, fühle ich etwas wie eine Art Beschämung, dass ich gewissermassen berufsmässig mein eigenes innerstes Gefühlsleben darstelle und den Tod Herzls zum Gegenstand eines Artikels wähle . . . * * * Die tiefen Massen des jüdischen Volkes haben das dunkle Gefühl, dass dieser Tod eines Mannes eine nationale Katastrophe bedeutet. Aber die schlichten Seelen sind noch weit entfernt davon, sich eine genaue Rechenschaft über den Umfang des Unglückes zu geben, das sie trifft, das uns alle trifft. -) Aus dem französischen Manuskript übersetzt und vom Autor durchgesehen. Solange Herzl da war, lebendig, immer tätig, allen Anforderungen der Lage gerecht werdend, allen Notwendigkeiten eine Antwort entgegensetzend, allen Widersachern seine Brust darbietend, fand man das alles ganz natürlich, als müsste es immer so sein, so, als könnte es gar nicht anders sein. Aber jetzt, da er verschwunden ist, wird die ungeheure Weite der Lücke, die er zurücklässt, wird die Erkenntnis der Unmöglichkeit, sie auszufüllen, allmählich dem jüdischen Volk eine genaue Vorstellung davon geben, was Herzl war, und es ihm möglich machen, die Grösse seines Verlustes zu ermessen. Eines Tages, bei einem Frühstück, an dem unser Freund Alexander Marmorek teilnahm, sagte ich zu Herzl: „Wenn ich gläubig wäre und wenn ich die Gewohnheit hätte, mich in mystischer Sprache auszudrücken, würde ich sagen, dass Ihr Erscheinen im kritischsten Augenblick der jüdischen Volksgeschichte ein Werk der Vorsehung sei. In diesem beklemmend qualvollen Augenblick bedurfte es eines einzigartigen Menschen, und siehe, da tauchen Sie auf, um den Verzweifelten die Hoffnung wiederzugeben und den Entmutigten die Zukunft zu verbürgen.*' In seiner so aufrichtigen, so weit von jeder Pose entfernten Bescheidenheit errötete er, wurde er beinahe ärgerlich. „Nicht doch!" entgegnete er, „nicht doch! Wie können Sie so sprechen, Sie, der Sie doch den Wert des Wortes kennen! Es gibt nichts Einzigartiges, nichts Ausser, gewöhnliches in meinem Fall. Lassen Sie mich verschwinden, und hundert Männer, tausend Männer werden sich sofort dem jüdischen Volke zur Wahl darbieten und das Werk genau an dem Punkte fortsetzen, wo ich es verlassen habe." Ich mochte das Gespräch nicht fortsetzen auf eine Voraussetzung hin, die ich für unsinnig erachten wollte. Aber ich schüttelte den Kopf, und Alexander Marmorek tat wie ich. Was ich damals nicht einmal als möglich ins Auge fassen wollte, das gerade ist nun doch eingetroffen. Herzl ist verschwunden. Und man wird sehen, und man sieht, wie sehr ich recht hatte. Es bieten sich nicht tausend, nicht hundert Männer, nicht einer dar, um ihn zu ersetzen. Er war einzig.

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