Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1904-08-01 · Heft 8-9 (August-September 1904) · p. Seite 525 - 526

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 8-9 (August-September 1904)
Article
Herzl ....... und weiter!
Date
1904-08-01
Page
Seite 525 - 526 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2583875-2583918-2583927-2590531--04201-2590639
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

525 Dr. M. Gaster: Herzl . . . und weiter. 526 Unternehmen, sein Volk über den reissenden Strom nach dem jenseitigen Ufer zu führen. Aber der Strom der Zeit hat ihn inzwischen weggeschwemmt, und wir stehen auf dieser Seite des Ufers, ohne Führer und ohne Führung. Dunkel und trübe ist der Ausblick für diejenigen, die sich nicht mit einem einsamen Fährmanne begnügen wollen, der die Fluten mit einem kleinen Kiele durchschneidet und die Fahrenden einzelweise am anderen Ufer absetzt. Einzelweise findet wohl mancher von uns den Weg zum anderen Ufer. Ein Volk kann aber nicht durch einen solchen Fährmann befördert werden. Für dieses müssen sich die Fluten spalten, und wie in alter Zeit müssen sie trockenen Fusses durch die brausenden Fluten ziehen. Einen Moses und einen Elijah haben wir nicht mehr; der eine spaltet die Fluten des Meeres mit seinem Stabe, der andere mit seinem Mantel. Auf welche Weise das Wunder in unserer Zeit vollbracht worden wäre, das deckt jetzt die Erde, und die Antwort auf diese Frage ist mit Herzl zu Grabe getragen worden. Der Ausblick ist entmutigend, und doch müssen wir uns mit aller Macht aufraffen, um das zurückgelassene Erbe nicht mit ins Grab sinken zu lassen. Wir müssen den Ton nicht ganz verhallen lassen. Das von Herzl begonnene Werk fortzusetzen, ist jetzt die Aufgabe des Volkes geworden, und es muss weitergeführt werden. Nur darf man sich über die Zukunft nicht täuschen und den Schein für Wirklichkeit betrachten. Das Gesetz der immanenten Trägheit wird jede Bewegung eine Zeitlang noch schwingen lassen, lange nachdem die treibende Kraft aufgehört hat zu wirken. So wird auch wphl in unserer Bewegung eine Scheintätigkeit noch fortdauern. Mit einem Male kann eine solche Bewegung nicht zum Stillstand kommen. Inzwischen sind aber verschiedene Treibkräfte innerhalb der Bewegung aufgekommen, zentrifugale und zentripetale, Palästina und Uganda, Territorialismus und religiöser Nationalismus. Die kleineren Schwierigkeiten konnte die Meisterhand des Führers beseitigen, und über die Kluft, die sich langsam auftat, konnte nur er eine Brücke schlagen. Es ruhte aber alles auf einer Hand. Ein einziger Pfeiler stützte das Gebäude. Nun ist der Pfeiler gebrochen, und wir fragen: Was weiter? Wie weiter? Eine inhaltsschwere Frage, die man leichter stellen als beantworten kann. Wenn man sie vor einigen Jahren gestellt hätte, so wäre es nicht so schwer gewesen, einigermassen eine Antwort zu finden und die nächsten Schritte zu formulieren, die unternommen werden müssen, um das begonnene Werk fortzusetzen. Aber jetzt stehen wir vor einem Chaos. Man ist kein Freund der Bewegung und kein Förderer der Ideale, für welche Herzl gelebt und gestorben ist, wenn man mit der Wahrheit zurückhält und nicht gerade im Moment des überwältigenden Schmerzes sich nicht des ganzen Verlustes bewusst wird, den sein Tod gebracht hat. Von der Majestät des Todes bezwungen, verstummt wohl jeder Missklang. Am offenen Grabe schweigt der Widerspruch. Der Schmerz ist allen gemein, und alle fühlen, was sie in dem Verblichenen verloren haben, jetzt noch mehr als früher. Aber das Leben stellt gleich seine Anforderungen, und der Zionismus ist das neue Leben. Eine tiefe Kluft hat sich nun im Laufe des letzten Jahres aufgetan, welche Manches, das man als errungen betrachtet hat, zu verschlingen droht. Gegen das wundersame Bild, das Herzl gezeichnet, hat eine allzu eifrige und desto plumpere Hand einen Faustschlag geführt, sie hat darin einen Riss gemacht, die Fäden hängen wohl noch zusammen, aber das Bild ist einigermassen entstellt, und mehr als je bedurfte es jetzt der Künstlerhand, um den Riss zu heilen, das Bild, soweit es ginge, wieder herzustellen, so dass nur den wenigsten die Spur des gewaltsamen Eingriffes sichtbar bliebe. Leider ist die Künstlerhand gelähmt, der Riss ist da, die Fasern hängen nur noch locker zusammen; viele Bande sind gesprengt, viele Unternehmungen sind ins Stocken geraten. Aerger noch als alles ist die Verwirrung, die in den Geistern Vieler geschaffen worden ist. Anstatt eines Zieles sind mehrere jetzt dem Volke gesteckt worden. Es ist von seinem Wege nach Palästina abgelenkt worden. Unberufene und unverantwortliche Hände haben das Unheil gestiftet und die Fackel von Ostafrika in das Lager der Zionisten geschleudert. Anstatt wie früher mit vereinten Kräften einem Ziele zuzustreben, müssen sie zum Teil aufgebraucht werden, um innerhalb des Lagers den Brand einzuschränken. Das Volk ist durch übertriebene und nicht begründete Darstellungen irre geleitet worden. Vom richtigen o o o Wege abgelenkt, stehen die Zionisten ratlos am offenen Grabe. Für mich persönlich, der gerade in dieser Frage entschiedene Stellung genommen hatte, war es ein unsäglicher Trost, als ich jüngst in Wien von intimen Freunden des verstorbenen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.