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Ost und West · 1904-07-01 · Heft 7 (Juli 1904) · p. Seite 497 - 498

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Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 7 (Juli 1904)
Article
Ghetto-Idylle
Date
1904-07-01
Page
Seite 497 - 498 (sequence 3)
Language
German
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497 Wilhelm Feldmaim: Ghetto-Idylle. 498 „Natürlich, lieber Onkel. Gott hat das Weib aus einer Rippe des Mannes geschaffen. Und in der Ehe, wie Rabbi Jochaja sagt ..." ' „Gut, gut; aber darum handelt es sich nicht. Weisst du, wozu du geheiratet hast?" „Na, gewiss, lieber Onkel, um fürs ganze Leben ■eine Gefährtin zu haben, eine Helferin, eine Frau . . ." Der Onkel warf ungeduldig die Pfeife beiseite. „Aber wozu hast du eigentlicheineFraugenommen?" Naftali sah ihn mit seinen grossen Kinderaugen an und wusste nicht, was er antworten sollte. „Ha!" seufzte der Onkel resigniert und neigte sich zu dem Knaben hinüber. Mit langsamer, abgebrochener Stimme begann er ihm etwas ins Ohr zu flüstern. Ihn aber begoss eine jähe Röte; er ward ganz Feuer und Flamme. Kurz darauf war er wieder in seinem Zimmer. Blass, bebend am ganzen Körper stand er vor Perle, die auf ihn zulief. „Was hat dir der Onkel gesagt? Warum bist du solange dort geblieben?" fragte sie mit ihrer weichen, silberhellen Stimme. Plötzlich fiel ihr die Veränderung in seinem Gesichte auf. „Naftali, was hast du?" rief sie erschrocken aus. Ihm aber wollte kein Ton aus der zusammengeschnürten Kehle dringen. „Naftali, mein . . . Mann, du . . .", sagte sie mit einer süssen Liebkosung in der Stimme. Er bebte zurück, und wechselnde Farben spielten auf seinem Gesicht. „Ach, wie deine Hände brennen!" Und plötzlich, von einer unbekannten Macht getrieben, streckte er die Hände nach ihr aus, wie zu einer leidenschaftlichen Umarmung, während er unverständliche Worte murmelte. Ihr Gesicht rötete sich, und im Nu verschwand der Ausdruck „des Schreckens daraus. Mit geschlossenen Augen, wonnig lächelnd, den Hals wie ein Reh vorstreckend, sank sie zu ihm hin, und ein süsser Schauer durchrieselte sie ganz. Da stiess Naftali sie mit einer heftigen Bewegung von sich, und ehe sie sich besinnen konnte, hörte sie das Zuklappen der Tür. Er war nicht mehr im Zimmer. „Ach!" seufzte sie, „das hat gewiss dieser unausstehliche Onkel angerichtet!" Dann begoss sie sich mit Tränen. * * * Fiebernd, in tiefer seelischer Erregung ging Naftali in dem nahegelegenen Wäldchen auf und nieder. Er war vor den Menschen geflohen, ohne selber zu wissen, warum; und jetzt grünten rings um ihn herum die Gräser und die Bäume, blühten die Blumen; das Rauschen und der Vogelsang, tausend Lebenstöne der Natur erklangen ringsum, und er merkte nichts, sah nichts, hörte nichts. In seinen Schläfen und in seiner Brust hämmerte es, seine Einbildungskraft war entflammt, die Nerven gespannt, sein ganzes Wesen in einem Zustande seltsamer Aufregung, die er nicht zu deuten vermochte. Die Worte des Onkels hatten tausend Saiten, die in ihm bisher geschlummert, ertönen lassen. Jetzt klingt und singt es in ihm, ohne dass er etwas dagegen vermöchte, und in seinem ganzen Organismus hallt es wider, macht ihn trunken und berauscht vor Wonne. Und doch beunruhigt ihn dieser Taumel, trübt und vernichtet die Harmonie seiner Seele. Wie ein kleines Kind ohne Furcht in der Dunkelheit verweilt, ein älteres aber, obgleich es weiss, dass ihm nichts droht, von Beklommenheit ergriffen wird, so fühlte Naftali jetzt, dass er nicht mehr imstande wäre, sich seiner Perle zu nahen, noch ihr in die Augen zu sehen. Und das beschleicht ihn mit Zittern und Sehnsucht, rollt glutvoll durch seine Adern und verhüllt seinen Blick wie mit einem bald grünen, bald rosigen Nebel. Was ist das? Er ist zu fassungslos, um eine Antwort darauf geben zu können. Allmählich jedoch kommt er zu sich, wird seiner Erregung Herr und verliert sich im Nachsinnen. Er versucht, mit dem Blick in die wundervolle Werkstätte der Natur einzudringen, die bisher ein nebliges Geheimnis vor ihm verschleierte. Es treibt ihn, den zaubervollen Mechanismus zu begreifen. Er sieht sich dicht neben seiner Gattin, und eine Scharlachröte begiesst ihn, ein wonniger und zugleich schmerzlicher Schauer macht seinen ganzen Körper erbeben. Langsam heitern sich seine erregten Gedanken auf. Lange Jahre in Frömmigkeit uud Tugend geübt, weist er jetzt all die sündhaften Gefühle, die ihn beschleichen, weit von sich. Die in Askese und Reinheit grossgezogene Seele erwacht. Gewöhnt, die göttlichen Dinge mit Ernst und Strenge aufzufassen, bemüht er sich, die Worte des Onkels über Familie, Kinder, Lebenszweck ins Gedächtnis zurückzurufen. Sogar das Bild Perles verwischt sich allgemach, dagegen taucht vor ihm das Ziel des Lebens auf, ein edles, erhabenes Ziel, ja das höchste in der Welt, weil mit dem Gedanken an Gott verbunden. Die Ehe, das Irdische, ist nur ein Mittel dazu, nur eine Stufe, die zu jener Höhe hinanführt. Seine Gedanken beschwingen sich, hellen sich auf, sein Herz wächst, er fühlt den Zufluss neuer Kräfte, neuer Regungen . . . der Knabe ward zum Manne. * * * Lange ging er so im Wäldchen auf und ab, losgelöst von der Erde, in ernstes Sinnen versunken. Plötzlich zuckte er zusammen, wie von einem Schlage getroffen. Inmitten der tiefen Stille ertönte lautes, iämmerliches Schreien. „Rettung! Rettung! . . .« Naftali erschrak und blieb wie gebannt stehen. „Rettung! Rettung!" Hessen sich abermals verzweifelte Hilferufe vernehmen. Er wurde wach und rieb sich die Stirn. Diese Stimme ... sie klang ihm so eigentümlich bekannt und erweckte in ihm einen seltsamen Sturm und eine Kraft. Im Laufschritt brach er nach der Richtung auf, woher die Hilferufe kamen. Unbekümmert um alles, drang er durch das Gebüsch, watete im Grase und brach die Zweige, die ihm den Weg versperrten, während er in einem fort rief: „Ich komme, ich komme!" Die Hilferufe wiederholten sich nicht mehr. Atemlos, mit zerfetzten Kleidern gelangte Naftali auf einen Waldsteg. Zwei Gestalten, die er nicht unterscheiden konnte, entflohen eilig in das Dickicht, wie von einem Todfeind verfolgt, dicht daneben wankte eine Frau, mit dem Gesicht von ihm abgewandt. Naftali stürzte zu ihr hin, sie wandte sich um und fiel laut weinend in seine Arme. „Perle, meine Perle!" rief er, sie stürmisch an die Brust drückend und ihr Gesicht mit Küssen bedeckend. „Wie kommst du hierher? Was ist geschehen?" Sie erhob den Blick zu ihm. Sie holte tief und schwer Atem, wie einer, der soeben einen anstrengenden Kampf bestanden; ihr Gesicht bedeckte Totenblässe, und nervöse Schauer liefen über ihren Körper.

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