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Ost und West · 1904-07-01 · Heft 7 (Juli 1904) · p. Seite 495 - 496

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Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 7 (Juli 1904)
Article
Ghetto-Idylle
Date
1904-07-01
Page
Seite 495 - 496 (sequence 2)
Language
German
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495 Wilhelm Feldmann: Ghetto-Idylle. 496 „Ja, aber glaubst da, ich wollte?" sagte sie, das Köpfchen schüttelnd. „Wie?" rief er erschrocken. „Na, deinetwegen hat man mir ja das Haar abgeschnitten . . . Ich hatte solche schöne Zöpfe, solche lange. Wenn ich sie auflöste, bedeckten sie mich ganz, wie eine Seidenhülle." Tränen glänzten in ihren Augen. Auch ihm wurde seltsam wehmütig ums Herz. „Schade!" flüsterte er teilnahmsvoll. „Und nun hat man mir mit dieser abscheulichen Perücke den Kopf bedeckt."*) Der Kummer seines Weibchens verursachte Naftali aufrichtigen Schmerz. „Aber du bist auch darin so schön!" sagte er, mehr um sich selber als sie zu trösten. Ihre Tränen verschwanden, und das Gesichtchen heiterte sich in einem Lächeln auf, das eine Reihe perlenweisser, kleiner Zähne zeigte. „Weisst du," sagte sie zärtlich, die Silben wie ein verhätscheltes Kind auseinanderziehend, „ich habe dich nur einmal gesehen . . . weisst du noch?" „Ich war damals fünfzehn Jahre." „Und ich kenne dich trotzdem ganz gut. Du standest mir immer vor Augen, erschienst mir im Traume . . . wunderbar. Du sprachst mit einer Stimme, die wie ein süsser Gesang in meinen Ohren klang. Du sagtest ..." Naftali sah sie an, hörte mit Entzücken ihr Geplauder und fasste ihre Hände. „Perle, ich habe dich lieb!" „Ja, das eben sagtest du!" rief sie freudig aus, schmiegte sich an ihn und schlang ihre wonnigen Arme um seinen Hals. Da knarrte die Tür. Die beiden prallten auseinander, erschrocken, wie Kinder, die der Lehrer bei einem unartigen Spiel erwischt. Verwirrt, bleich nahmen sie ihre früheren Plätze wieder ein und sassen da mit sanfter Miene, wie die unschuldigen Turteltäubchen. Aber es war nichts. Nur Naftalis Mutter ging durch das Zimmer, ohne die jungen Leutchen anzusehen. Beide blieben unbeweglich. „Naftali," hob Perle wieder an, „ist deine Mama gut?" „O," rief er begeistert, „sie ist sehr gut! An den Vater erinnere ich mich nicht, aber sie gibt mir alles, schafft mir alles, schilt mich niemals. Sie hat mir dich zur Frau gegeben." „Ei, was hast du davon!" lächelte Perle mit schalkhafter Koketterie. Und Naftali, der niemals das Wort „Liebe" vernommen, der Romane weder aus Büchern noch aus Erzählungen kannte — erbebte wie ein Vulkan, in dem die Lava zu kreisen beginnt. Er spielte mit ihrer Hand und küsste die rosigen Fingerchen ab. Beiden versperrte eine tiefe Erregung den Atem, ihr Blut pulste heftig, glühend. Es war ihnen beinahe unwohl, als wollte ein schmerzliches Gefühl ihnen die Brust sprengen, und doch war ihnen zugleich so unsagbar süss und selig. Ihre Seelen schmolzen in Verzückung dahin. * * «• „Naftali!" Hess sich aus dem anstossenden Zimmer eine Stimme vernehmen. Der Gerufene erhob sich träge, matt und wie schlaftrunken; noch einmal umfasste sie sein feuchter, *) Die Juden im Osten pflegten der Neuvermählten das Haar kurz zu schneiden, und es galt als Konzession an die neue Zeit, wenn man ihr erlaubte, eine aus fremdem Haar oder feiner Seide hergestellte Perücke zu tragen. träumender Blick, dann trat er in das zweite Zimmei. Dort lag der Onkel nach einem guten Mittagmahl auf dem Sofa hingestreckt und rauchte eine Pfeife. Er wies dem Nefien einen Stuhl, und indem er ihn mit gutmütigem Lächeln betrachtete, sagte er: „Na, mein Junge, bist du mit deiner Frau zufrieden? Wie?" „O, sehr, sehr!" rief Naftali begeistert. „Na, dann ist es gut. Dazu hast du sie ja geheiratet." „Und das feine Glas unter dem Baldachin zerstampft . ."*) fügte Naftali schalkhaft lächelnd hinzu. Der Onkel fuhr auf. „Schon wieder diese Kindereien! Wirklich, es ist höchste Zeit, dass du ernster wirst!" „Du bist schon Ehemann," hub er nach einer Pause wieder an, nachdem er sorgfältig die Pfeife gefüllt. „Du bist schon verheiratet. Weisst du, was es heisst, verheiratet sein? Verheiratet sein, das heisst ein vollendeter, ganzer Mensch werden, die Möglichkeit haben, die wichtigsten Gebote Gottes zu erfüllen und den heiligsten Pflichten gegenüber seinen Mitmenschen Genüge zu tun, wie Rabbi Jochaja sagt. Verheiratet sein, das heisst ein eigenes Haus gründen und sich bemühen, dass es wie ein nützlicher Bienenstock sei im Garten des Herrn, lest seine Familie begründen, sie schön und gottesfürchtig leiten, das ist unsere heiligste Aufgabe auf dieser Welt!" Während der Onkel mit trockener, lehrhafter Stimme sprach, rückte Naftali auf seinem Sitz unruhig hin und her und zerknüllte mit der Hand den Seidengürtel an seiner Pekesche. Aber nach und nach, in dem Masse, als der Onkel, nachdem die Pfeife ausgegangen war, langsam mit den Fingern den Bart auseinanderkämmt und mit Salbung perorierte, Wort für Wort betonend, wurde der Neuvermählte aufmerksamer, bis seine anfängliche Zerstreutheit gänzlich verschwand. „Merk's dir gut, mein Junge," setzte der Mentor seine Belehrung fort. „Wir Juden wären längst vom Erdboden verschwunden, wenn nicht der Umstand wäre, dass wir frühzeitig eine Familie gründen; wir wären längst ausgerottet, wenn in den Familien nicht Reinheit, Tradition, Gottesfurcht sich fortpflanzte. Und alle Gebote Gottes, alle unsere irdischen Pflichten, was bedeuten sie anderes aln das einzige Wort: Leite deine Familie gut, erziehe gut deine Kinder? Was heisst arbeiten? Ihnen eine Zukunft sichern! Was heisst ehrlich sein? Ihnen einen geachteten Namen hinterlassen! Was heisst studieren, nachdenken, in der Lehre forschen? Ihnen den Weg zur Weisheit und zur Glückseligkeit bahnen. Was heisst sein Volk lieben? Ihm Glauben, Kraft, Ueberlieferung einpflanzen! Und was ist andererseits das grösste Glück des Menschen auf dieser Welt? Freude an seinen Nachkommen. Ehe, Familie, Kinder, das ist der Fels, auf dem sich der Bund und Israel aufbauen." Mit erhobener Stimme und brennenden Augen sprach der Onkel, und Naftali, tief ergriffen, hatte den Blick auf ihn geheftet, und seine Gedanken arbeiteten schwer. „Aber!" rief er endlich, von einem plötzlichen Einfall betroffen, „wie kann ich alle diese Gebote Gottes erfüllen, da ich keine Kinder habe? Woher soll ich die denn nehmen?1* Der Onkel sah ihn durchdringend, forschend an, dann zuckte er die Schultern. „Weisst du, mein Junge, was das heisst, heiraten?" *) Der Sitte gemäss zerstampft unter dem Trauringsbaldachin der Neuvermählte ein feines Glas.

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