Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1904)
- Article
- Ghetto-Idylle
- Date
- 1904-07-01
- Page
- Seite 499 - 500 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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499 Wilhelm Feldmann: Ghetto-Idylle. 500 Sie öfijnete die Lippen und brach wieder in ein üervösts, unaufhaltsames Schluchzen aus. Naftali ward starr vor Schrecken. „Gott mit dir, Perle!" brachte er mit Mühe hervor, denn die Stimme erstarb ihm fast in der Brust. „Sprich doch, was ist dir?" rief er, betäubt von einem plötzlichen Schmerz. Nach und nach beruhigte sie sich etwas. „Du hast dich vom Hause entfernt, man sagte mir, du wärest in den Wald gegangen ... so ging ich auch . . . Hier, hier . . Wieder schüttelte sie ein schmerzhaftes Schluchzen. „Sie haben mich überlallen . . . haben mich angegriffen . . . zwei junge Herren ..." Naftali wurde blass wie der Tod. „Nun?" stiess er heiser hervor. „Sie hörten, dass jemand kam, und liefen davon." Als hätte man einen würgenden Strick von seinem Halse entfernt, seufzte Naftali erleichtert auf. In diesem Augenblick dachte er nicht an Sittenreinheit, noch an ali die anderen Dinge, die kurz davor seinen Geist beschäftigten. Er hatte in den letzten paar Minuten so viel Angst und Qualen ausgestanden, dass er jetzt nur ein Feuer in den Adern fühlte, das alle in ihm schlummernden Kräfte uod Regungen entzündete. Er sah sich an der Seite dieses Geschöpfes, das ihn mit seinem holden Zauber mächtig zu sich hinzog. Er dachte, dass sie die ihm auf ewig verbundene Lebensgefährtin war, die ihm, nur ihm allein mit ihrem köstlichen Leib und ihrer anmutigen Seele gehörte. Und ihr, dieser Angebeteten, dieser Heissbegehrten, drohte eine Gefahr ... Sie hätte er auf immer verlieren können! . . . Schrecken, Eifersucht, Liebe,Empörung entbrannten, tobten in ihm und wollten sich Luft machen. Seine Arme umklammerten die Geliebte, und seine Lippen saugten sich an ihrem Munde fest. Sie umschlang seinen Hals und schmiegte sich an ihn, in seiner Umarmung fühlte sie sich sicher und glückselig. Der kräftige, berauschende Duft ihres Körpers, ihr glutvoller Atem hauchten ihn an und durchdrangen sein Inneres. An seinem Herzen fühlte er ihre wogendeBrust und auf denLippen ihren brennenden Kuss. Die Ekstase der Liebe nahm von ihm Besitz. „Perle, meine Perle, du!" hauchte er entzückt und umfasste sie in einer langen, leidenschaftlichen Umarmung, in der ihre Seelen zusammenschmolzen. Fiebernd, fast bewusstlos in dieser endlosen Um« schlingung, Hessen sie sich beide in das weiche Gras sinken und tauchten unter in einem Meer unendlichen Glücks. Ueber ihren Häuptern wölbte sich der azurblaue Himmel, und ein traumhaftes, geheimnisvolles Flüstern ging, durch die Laubkronen der Bäume. Der Waldgeruch, das Rascheln der Blätter, das Summen der Schmetterlinge, der Gesang der Vögel — alles floss zu einem einzigen Ozean von Wundern und Wonnen zusammen, überflutete die Neuvermählten mit einem Zauber, und in ihren Herzen leuchtete ein Himmel voller Sterne, und tausend Chöre sangen ein Lied von Glückseligkeit. THEODOR HERZL ^*) geb. 2. Mai 1860, gest. 3. Juli 1904. Kein Verlust innerhalb der Judenheit wäre imstande, eine so weithin hallende Totenklage zu wecken, wie der Heimgang Theodor Herzls, der am 3. Juni in der Blüte der Jahre dahingerafft wurde. Selbst die grimmigsten Gegner dieses erhabenen Mannes werden nicht ohne fiele Erschütterung die Trauerkunde vernommen haben, dass sein Lebensfaden jählings abgeschnitten wurde. Aber wie ein unheilvoller Donnerschlag, wie eine niederschmetternde, kaum zu fassende Niederlage wird diese Hiobspost auf die breiten Massen des jüdischen Volkes, dort, wo sie am dichtesten gesäet sind, wirken. Als wäre ihre köstlichste Hoffnung geknickt, ihr schönster Traum verweht. Sahen sie doch in ihm den Mann, der ihnen versprach, ihre seit zweitausend Jahren in tiefster Seele gehegte Sehnsucht zu verwirklichen, ihnen aber nicht mystische Visionen vorgaukelte, sondern mit kräftiger Hand alle Mittel und Formen des modernen Lebens anfasste und in Bewegung setzte, um seinen Verheissungen lebendige Gestalt zu verleihen. Und noch mehr: die Massen fühlten, dass dieser ferne Mann, der vermöge der Fügung eines merk- *) Die Trauerkunde von dem Hinscheiden Theodor Herzls ereilte uns, als das vorliegende Heft sich bereits im Drucke befand. (Die Redaktion.) würdigen Schicksals ihr Führer geworden war, sie wirklich mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft liebte, mit ihnen litt und sich mit ihnen freuen wollte — und dass jegliches eigennützige Motiv ihm fern lag. Darum wird die Trauer des Volkes um ihn aufrichtig und schwer sein. Eine ergreifende Tragik, der kein fühlender Mensch sich verschliessen kann, liegt in dem Schicksal, das nun einen so plötzlichen und unvermuteten Abschluss gefunden hat. Wer hätte wohl noch vor acht oder zehn Jahren geahnt, dass in diesem fröhlichen Feuilletonisten, in diesem sorglosen Verfasser anmutiger Plaudereien und geistreicher Theaterstücke eine sinnende und sehnende Seele schlummerte, die das Los von Millionen unbekannter Brüder tief ergriff und mit Kummer und Sorge erfüllte? Mitten in dem bunten Treiben der politischen, künstlerischen und literarischen Welt der lustigen Seinestadt, welches er in feinumrissenen und scharf ausgeführten Bildern darzustellen verstand, erhob sich vor ihm das drohende Gespenst des fernen Judenelends, welches seine leiblichen Augen wohl kaum je gesehen, und das gleichwohl eindringlich zu seinem Herzen sprach und ihm tausend Rätsel aufgab. Wie der selige Rausch frischer Tatenfreude spricht es zu uns aus der ersten