Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1904)
- Article
- Das versäumte Kaddischgebet
- Date
- 1904-07-01
- Page
- Seite 491 - 492 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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491 Jeliuda Steinberg: Das versäumte Kaddischgebet. 492 NAUM AROXSOX. BÜSTE. Gruss sende, als ob er mit ihr spräche. Von Angesicht zu Angesicht. Allmählich fühlte er aus der innerenMelodie, mit der ihm das Kaddisch- Gebet über die Lippen kam, wie es in diesem Augenblick Rösele ums Herz war im Paradiese: ob sie fröhlich oder traurig war. — Leichter und fröhlicher strömte das Kaddisch- Gebet aus ihm, wenn Nässe und Kälte ihn recht durchschauerten. Aber manchmal schien es ihm wie eine grosse Sünde gegen sein Rösele, dass er noch auf der Erde war. Wie gern hätte er sich freigemacht von dieser Sünde! . . . Die Schulbuben kommen. Der Hilfslehrer drillt. Wenn sie überhaupt nicht kämen, ihm wär's gleich. Er hat einen treuen Helfer. Die paar Jahre, die er noch zu leben hat, wird er schon mit ihm durchkommen. Das Halbjahr ist zu Ende. Neue Schüler hat der Lehrer geworben. Die Schüler kommen. Und Hirschel „lernt" indes, bis am Nachmittag die Zeit zum Kaddisch-Gebet kommt. Dann isst er zur Nacht, legt sich in sein Bett nieder, um wieder in der Frühe Kaddisch zu sagen. . . Und heute. Wie gern möchte er sich von dem fröhlichen Lärm der Buben freimachen, dass sie ihn in seinen Träumen nicht stören; denn träumen will er, wie schön es gewesen wäre, wenn Rösele noch lebte und neben ihm sässe. Träumen will er, was jetzt Röseles Seele macht. Kennt auch die Seele der Dahinoeschiedenen die Sehnsucht? Quälen auch sie Sorgen und Gedanken? Was ist schliesslich der Sinn des Lebens? . .. Warum scheint denn die Sonne? . . . Leben wir nur, um zu sterben und wehe Tage und Herzeleid zurückzulassen? Voller Bangigkeit ist er heute mehr denn je. Der Kopf schmerzt ihm . . . Dem Fenster gegenüber hatte er gesessen — wie hatte ihn doch die Sonne gebrannt! Bis heute hatte er nichts davon gemerkt, dass draussen die Sonne wieder so warm leuchtet. Und ein Gedanke zieht ihm durch den Sinn. Zu Röseles Grab will er gehen. Nur den Grabstein will er wiedersehen und nochmal und nochmal die Inschrift lesen. Zum Nachmittag-Gebet kann er zurück sein. Vielleicht findet er auch noch ein leeres Plätzchen neben ihrem Grabe, dass er sich dort ein kleines Stäbchen einrichte. Mit gesenktem Haupte ging er hinaus zum Friedhof und mit grossen Schritten. Sein Gesicht sieht so finster aus, als zürne er der Sonne, dass sie ihm direkt in die Augen scheint. Zum Friedhof ging er in hastigem Laufe. Er überblickt die Grabsteine und Gräber — das „seine" sucht er — In der Sprache seines Herzens redete er mit ihr. Er wusste, dass sie ihn verstünde. Er betrachtete die kleine Stätte. Gras wuchs über dem Hügel. Grabsteine, weisse und dunkle, gerade und gewölbte — alle sind sie still wie der Tod, und Gras spriesst zwischen ihnen empor, so hoch und üppig, dass es schier die Steine überwuchernd bedeckt. Aus dem Rasen um „sein" liebes Grab wächst ein Röslein und wiegt sich leicht im Winde. Und das schweres Blütenhaupt senkt es zur Erde, wie eine junge, züchtige Frau, die sich ihrer Jugend und Schönheit schämt und nicht weiss, wie sie sich retten soll vor all den Augen,, die auf sie gerichtet sind . . . Woher nimmt wohl das Röslein Kraft und Saft? Die Jugend duftet und Leben quillt aus ihm empor. Zwei verliebte Vögelchen flogen von irgend woher und setzten sich auf Röseles Grabstein und zwitscherten einander ein Liebeslied zu. Und das Lied summte Hirschele in den Ohren, und von den Ohren schlich es sich in sein Herz.