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Ost und West · 1904-07-01 · Heft 7 (Juli 1904) · p. Seite 493 - 494

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 7 (Juli 1904)
Article
Das versäumte Kaddischgebet
Date
1904-07-01
Page
Seite 493 - 494 (sequence 3)
Language
German
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493 Jehudah Steinberg: Das versäumte Kaddischdebet. 494 Die Vögelchen flogen davon. Und Hirschele sah ihnen nach. Und die Vögelchen setzten sich auf einen Zweig, und Hirschele wandte sich zu ihnen um. Und als die Vögelchen wieder fortflatterten, da sah ihnen Hirschele immer noch nach. Er hätte doch so gern noch einmal ihr Liebeslied Die Umrisse seiner schlanken, geschmeidigen, in der Taille etwas schmalen Gestalt traten deutlich hervor unter der enganliegenden schwarzseidenen Pekesche. Der Sammethut und die rabenschwarzen Löckchen über den Ohren fassten wie ein Ebenholzrahmen das kindlich frische Gesichtchen ein, das rosig und weiss war, dunkle Augen und kleine kirschrote Lippen hatte, auf denen sich der erste Flaum zeigte. Seine Stimme hatte einen leisen und weichen Klang; Fremden gegenüber war er schüchtern und befangen, die Seinigen blickte er schalkhaft und munter an, und die Hand, die er zuweilen erhob, um seine Ohrlöckchen zu streicheln, war klein, schön geformt und weiss wie bei einer Frau. Und heute sollte er heiraten. Natürlich — er hat ja schon das siebzehnte Lebensjahr zurückgelegt! Daher hat er, wie es der strenge Ritus vorschreibt, ein Tauchbad genommen, fastet seit dem Morgen, und nun, herausgeputzt und geschniegelt, legt er zum erstenmal die mit Marder verbrämte Sabbatmütze an, das Wahrzeichen des volljährigen Bürgers, des verehelichten Familienvaters und Mitglieds der Gemeinde. Vor dem Spiegel verzieht er das Gesicht mit komischem Erstaunen, öffnet Mund und Augen weit und bricht plötzlich in ein schallendes, lustiges Gelächter aus: „Ha, ha, ha, wie drollig! Wie komisch ich darin aussehe!" Der Onkel, ein langer Mann mit besenförmigem Bart, zieht mit strenger Miene die Brauen zusammen. „Naftali, wann wirst du endlich die kindischen Manieren ablegen? Heute ist ein heiliger Tag!" Der Knabe schnürt den Mund zusammen und dreht den Kopf wie ein verzogenes Mädchen. Während er seine Toilette beendigt, lässt er die hübsche Goldkette zu der diamantenbesetzten Uhr mit Entzücken durch die Finger laufen; das hat er heute von der Braut zum Geschenk erhalten. „Im Grunde eine ganz angenehme Sache, so eine Hochzeit," denkt er dabei. „Es wird eine Menge Geschenke geben, und erst die verschiedenen Arten von Kuchen, die Mutter gebacken hat! . . . Aber jetzt muss man fasten!" Anfangs hatte er grosse Lust, ein Stück von dem prächtigen Honigkuchen mit Konfitüren und Mandeln zu mausen, aber noch rechtzeitig besann er sich, dass es eine Sünde wäre und die Mama es erfahren könnte . . . „Aber das entgeht mir nicht," denkt er weiter und überlegt, was für grosse Vorteile ihm aus dieser neuen Situation erwachsen werden. Vor allen Dingen wird er nicht mehr dem Lehrer zu gehorchen brauchen. Noch gestern musste er mit diesem ausgetrockneten, auf dem Grabe gehört. Dann ging Hirschele fort. Er wusste nicht wohin. Er wollte Rösele suchen und die Vögelchen. Und als er sich wiederfand, war er auf der Strasse. Und es war das erstemal, dass er das Kaddisch-Gebet versäumt hatte. (Nachdruck verboten.) nach Schnupftabak riechenden, unausstehlichen Alten sitzen und, während es draussen so schön war und alle spazieren gingen und lustig waren, über den heiligen Büchern brüten . . . Na, das ist notwendig, unerlässlich für einen, der mit der Zeit Rabbiner werden will. Aber es war doch schon ein bisschen zu viel. Nun, morgen ist es aus damit, morgen ist er sein eigner Herr. Ach, eine prächtige Sache, so eine Hochzeit1 . . . Diese Träume unterbrach ein Haufe Chassidim, welche, stark angeheitert, die Sabbatmützen schief gerückt, geräuschvoll ins Zimmer stürmten und unter wilden, lärmenden Gratulationen und Gesängen den Bräutigam mit sich zogen. * * * " ' Am folgenden Nachmittag sass er aul seinem Zimmer bei Tische. Neben ihm, auf dem Sofa, ruhte ein blutjunges, etwa sechzehnjähriges Mädchen, mit rundlichem, braunem Gesicht, in dem zwei Augen wie Funken glühten und die feuchten, aufgeworfenen Lippen pulsten. Heiss wogte die Brust auf und nieder. Sie waren allein geblieben. Naftali machte sich verlegen etwas auf dem Tisch zu schaffen. Dann begegneten seine Augen dem langen Blick derer, die er gestern um diese Zeit noch kaum kannte, und die nun für das ganze Leben seine Gefährtin war. Ein plötzlicher Schauer durchrieselte ihn. Er verlor all seinen Mut und wurde ohne merkliche Ursache noch mehr verwirrt. Errötend heftete er seine Augen auf das Tischtuch. Sie sah ihn verstohlen an, und ihre Augen funkelten immer glutvoller. Endlich rückte sie näher und legte ihm den Arm auf die Schulter. Niemals hätte er es gewagt, diesen ersten Schritt zu machen, aber wenn sie selber .... Er blickte ihr ermutigt in das von jener semitischen Rassenschönheit strahlende Antlitz und ergriff ihre Hand. „Du bist meine Frau," stammelte er. Jetzt senkte sie den Blick. „Wie schön du bist!" flüsterte er nach kurzem Schweigen mit gedämpfter Stimme. Sie lächelte kokett. „Du bist auch schön, Naftali!" Er setzte sie neben sich. Eine Weile sahen sich die beiden schweigend, schamrot und zitternd in die Augen. „Du bist also meine Frau," wiederholte er, tief aufatmend. Sie verzog die Lippen zu einer anmutigen Grimasse. GHETTO-IDYLLE. Von Wilhelm Feldmann.

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