Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1904)
- Article
- Das versäumte Kaddischgebet
- Date
- 1904-07-01
- Page
- Seite 489 - 490 (sequence 1)
- Language
- German
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489 490 DAS VERSAEUMTE KADDISCHGEBET. Von Jehuda Der junge Lehrer Hirschele hätte nichts dagegen gehabt, wenn seine wilde Schülerschar, mit Pfeil und Bogen und Proviant ausgestattet, bis zum Berge Sinai ausgezogen wäre, ja selbst bis ins heilige Land, wenn sie ihn nur in Ruhe gelassen hätte. Allein will er sein, ganz mit sich allein, in seinen vier Wänden. Er hat ja einen Hilfslehrer. Mag der sich mit ihnen abquälen. Hirschele hat seine Schulbuben satt für ein ganzes Jahr. Nur allein sein und träumen können! In die Einsamkeit zieht es ihn. Ganz in sich versinken will er, und still seine vier Wände anstarren. . . . Wie umgewechselt ist er seit einiger Zeit. Sonst liebte er die Kinder so herzlich. Immer war er gern unter ihnen. Schon damals, als er selbst noch ein Hilfslehrer war. Und wie gern spielte er wie ein Kind mit ihnen. Später, als er sein liebes Rösele heimführte, eröffnete er sich ein eigenes Cheder, um sich eine Existenz zu schaffen. Je sorgsamer er mit den Kindern umgehen wird — das wusste er —, um so lieber würdenihm die Hausväter ihre Kinder anvertrauen. Nun ist sein Rösele schon seit mehr als einem halben Jahre gestorben. Er ist ein anderer geworden seitdem: alles ist ihm zuwider. Er selbst kommt sich so überflüssig vor auf dieser Welt. NAUM aroxson. TOLSTOI. DieSonne Steinberg. (Nachdruck verboten.) war ihm versunken, da sie ihm kaum aufgegangen war. Er hätte es nie geglaubt, dass solches Unglück die Erde trüge — dass eines Tages sein liebes Rösele von ihm gehen könnte. . . . Als sie bestattet wurde, hatte er keine Tränen. Nur mit weit aufgerissenen Augen vermochte er zu sehen, wie die Diener die heiligen Bräuche erfüllten und sein Rösele dann fortbrachten. Mit stieren Blicken hatte er sich an alle gewandt: Was soll das nur heissen? Es war ein böses Verhängnis. Sieben Tage der strengen Trauer . . . dann die dreissig Trauertage. . . . Doch je mehr Tage dahingingen, um so bittrer musste er leiden. Wie war's so gut, dass bald der Herbst ins Land kam! Er schloss sich in sein Kämmerlein ein und sann und sann. . . . Ist wirklich Rösele gestorben? fragte er sich. Ist's nicht ein Traum? Wie wäre es so schön, wenn auch er entschliefe, und schliefe und schliefe und erst erwachte am Tage seiner Bestattung. Und er sucht sich vorzustellen, wie das ganze Leben gewesen wäre, wenn Rösele noch wäre. So wälzen sich ihm die Gedanken im Kopfe. Immer tiefer versinkt er in die unruhigen Träume. Rettungslos. Was kümmert's ihn, dass draussen schon tiefer Schnee die Welt deckt! Böse Winterstürme toben durch die Gassen, und die Tage schrumpfen mehr und mehr ein. Warum soll denn die Sonne scheinen? Wozu der wechselnde Zauber der Natur: Tag und Nacht — und Nacht und Tag — was soll es ihm? —-- Mit den Kindern lernt er nur, weil sie zu ihm kommen. Und essen geht er nur, weil die Mutter in der Nähe wohnt, und die Schwester ihn zweimal des Tages zu Tische ruft. Das Kaddisch-Sagen in der Frühe und zur Nacht kommt ihm schwer an. Einen Knaben, der nach ihr Kaddisch sagen könnte, hat sie ihm nicht zurückgelassen. Durch den Schnee musä er gehen, wenn er in die Klause will, und erleidet in seinem dünnen Röckchen unter dem Froste. Indessen, je mühseliger es ihm wird, um so zufriedener wird er. Ihm ist, als ob er mit jedem Kaddisch-Worte seinem Rösele einen