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Ost und West · 1904-07-01 · Heft 7 (Juli 1904) · p. Seite 483 - 484

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Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 7 (Juli 1904)
Article
Eliah, der Prophet
Date
1904-07-01
Page
Seite 483 - 484 (sequence 5)
Language
German
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483 Bar-Ami: Eliah, der Prophet. 484 clieser jedesmal bis über die Ohren errötete. Der Prophet fragte sie, was ihr Vater sei und wann er heimkommen werde. „Mein Vater," antwortete das Mädchen, „befasst sich mit dem Abhäuten gefallenen Viehes. Den ganzen Tag weilt er draussen und kommt erst spät nachts nach Hause. Eine Mutter haben wir nicht." Dann bereitete ihnen das Mädchen ein Lager auf einem Bund Stroh in einem Winkel der Stube. Sie legten sich hin, und Eliah, der Prophet, fragte den Knaben: „Na, Freundchen, wie gefällt dir diese?" Der Junge schwieg still, aber in der Seele dachte er bei sich: „Gefallen tut sie mir wohl, aber Gott mag wissen, was ihr Vater ist." Er wälzte sich aut dem Lager herum und konnte nicht einschlafen. Plötzlich trat ein zerlumpter und schmutzbedeckter Mensch in die Stube, zündete ein Lämpchen an, brummte ein Gebetlein zwischen den Zähnen, betropfte sich die Hände mit einem bisschen Wasser und machte sich ans Essen. Dann brummte er wieder ein paar Worte durch die Nase und ging zu Bette. Bald lag er in tiefem Schlaf und schnarchte laut. Dem jungen Knaben wurde dabei sehr übel zu Mute. Er dachte nämlich, wenn sein Beschützer in jenem stattlichen und frommen Bürger einen Missetäter entdeckte, wer mochte wissen, was er von diesem einfachen und gemeinen Mann dachte. Mittlerweile zog ihn das Herz immer stärker zu dem Mädchen hin. Sie erhoben sich in aller Frühe, bevor noch der Hausherr erwacht war, aber das Mädchen war schon auf den Beinen, bereitete ihnen einen Imbiss, bot ihnen einen Gruss und bezeichnete ihnen den nächsten Weg. Als sie bereits eine ziemlich beträchtliche Strecke zurückgelegt hatten, holte sie ihr Gastgeber keuchend und atemlos vom eiligen Laufen ein: „Ihr habt einen Beutel voll Dukaten auf dem Strohlager vergessen," sagte er. „Ich erschrak, als ich so viel Gold auf einmal sah, und fürchtete, dass mich der Jezer hara nicht berede, euer Geld zu verstecken, daher lief ich rasch, um euch eiozuholen. Es ist alles unberührt. Da ihr aber so reich seid, seid so gut und borgt mir etwas Geld, die Feiertage nahen, und die Verdienste sind kläglich. Doch muss ich mir ausbedingen, dass ihr-dieses Darlehen nicht etwa als ein Entgelt für das Nachtlager betrachtet, welches euch in meinem Hause gewährt wurde, denn das ist eine Mizwah." Da gab sich Eliah, der Prophet, dem armen Mann zu erkennen. Er verheiratete die jungen Leutchen, die sehr glücklich lebten und ein hohes Alter erreichten. Von dieser Sage sind mir einige aus verschiedenen Gegenden stammende, untereinander erheblich abweichende Versionen bekannt geworden. Unter allen ist die vorliegende die an Einzelheiten reichhaltigste und innerlich am vollkommensten aufgebaute, und darum dürfte sie vielleicht auch die jüngste. sein. In der ursprünglichen Fassung dürfte wohl der Beweis für die Tugendlosigkeit der Mutter des ersten Mädchens erheblich drastischer ausgefallen sein. Derartige Züge schleifen sich immer mehr ab, je mehr sich ein Märchen verbreitet, und je öfter es in weiteren Kreisen, auch von Frauen und Kindern, erzählt wird. In dem aus dem 17. Jahrhundert stammenden, aber viel älteren Sagenstoff enthaltenden' jüdisch-deutschen „Maasseh- Buch" fand ich eine ungleich kürzere Fassung dieses Märchens1), die nicht nur im ganzen weniger an-1 sprechend ist, sondern überhaupt wie ein unvollkommenes Bruchstück aussieht. Vermutlich hatte der Verfasser das irgendwo gehörte oder gelesene Märchen zum grössten Teil vergessen und nur ein Stück davon aufgezeichnet. So fehlt dort der ganze dritte Teil mit dem Gegensatz zwischen dem reichen Frömmler und dem armen Mann aus dem Volke, worauf es in unserem Märchen offenbar hauptsächlich ankommt. Auch sind es im „M.-B." keine singenden Vögel, sondern schnatternde Gänse, die dem Jüngling das Geheimnis verraten. Dagegen ist hier ein Zug besonders interessant: die Söhne bewachen nämlich hier einen ihnen vom Vater hinterlassenen Weingarten. Dieser Zug scheint mir der ursprünglichere, dürfte wohl einem alten Midrasch entnommen und eigentlich symbolisch aufzufassen sein. Das Singen der Psalmen am Grabe des Vaters, wie es in unserem Märchen vorkommt,, hat im Grunde keinen rechten Sinn, da eine solche Sitte nicht existiert; durch diesen Zug scheint das ursprünglichere, unverständlich gewordene Bewachen des väterlichen Weingartens — Weingärten gibt es in unseren Gegenden nicht! — ersetzt worden zu sein. Die Wanderung des dritten Sohnes mit Eliah, dem Propheten, erinnert an die bekannte Legende von R. Jcsua b. Lewi, der gleichfalls Eliah auf dessen Wanderungen begleitet. Abgesehen von der Lebhaftigkeit der Handlung, dem frischen Humor und dem tieferen Sinn, der diese Sage so anziehend macht, ist ein Zug in ihr von besonderem Interesse lür die vergleichende Volkskunde: Eliah schenkt dem zweiten Sohne eine Mürjze, auf der die „Berachah" (der „göttliche Segen") ruht, und deren Besitz ihn mit der Zeit zum reichen Manne macht. Die Zaubermünze, die ihrem Besitzer zu grossen Reichtümern verhilft, findet sich im Volksglauben vieler orientalischer und europäischer Völker. Wüstenfeld überliefert eine arabische Erzählung aus uralter Zeit, worin ein Dukat vorkommt, der die Wunderkraft besitzt, immer von neuem zu seinem ersten Eigentümer zurückzukehren, so oft ihn dieser auch ausgeben mag. Suidas erzählt von dem Hemiöbolion des griechischen Zauberers Päses, welches der Besitzer immer wieder bei sich fand, so oft er es dem Händler für *) Nacherzählt auch in Griinbaums „Jüdisch-deutscher Chrestomathie", S. 418.

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