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Ost und West · 1904-07-01 · Heft 7 (Juli 1904) · p. Seite 471 - 472

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Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 7 (Juli 1904)
Article
Samuel Frug
Date
1904-07-01
Page
Seite 471 - 472 (sequence 3)
Language
German
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471 Dr. J. Eliaschow: Samuel Frug. 472erfuhr ein Maskil der guten alten Zeit, dass es in der Welt Seen und Meere und allerlei wildes Getier und allerlei bunte, blühende Bäume gebe. Sein Auge hatte es verlernt, unmittelbar in die weite Welt zu blicken. Um ein Bächlein in seiner stillen Schönheit, einen Baum, der vielleicht unweit vom Schulhof in voller Blüte prangte, wahrzunehmen, musste er darüber zuerst im Buch gelesen haben. Die Natur begriff er nur, wenn er sie im Spiegel einer poetischen Sprache erblickte. Solange kein Buch ihm verriet, dass der Himmel blau sei, wusste er es nicht, bemerkte er es nicht. Die Bibel war für ihn die einzige Führerin, die ihn, wenn auch auf Umwegen, zur Natur hinleitete, ihn lehrte, die Natur wahrzunehmen, zu bemerken. Darum war die Liebe des alten Maskil zur Natur eine doppelte und vielfache. In ihr fand er Labung für sein verdorrtes Herz und seine abgemagerte Phantasie; in ihr fand er auch eine Führerin und Meisterin, die ihn lehrte, nicht nur über die Schöpfung Gottes nachzusinnen, sondern auch sie zu sehen und mit allen Sinnen zu empfinden. Ganz anderer Art jedoch war die Liebe Frugs zur Bibel. Was auf den Geist des alten Maskil am stärksten wirkte, dessen bedurfte er nicht. War er ja auf dem Lande, in einer Ackerbaukolonie, aufgewachsen, nahe bei der frischen Erde, in stetem Bunde mit der grossen Nährerin. Ueberdies wurde sein Herz und seine Phantasie von der frühesten Kindheit auf entwickelt, und seine Jugendjahre verbrachte er nicht nur beim Talmud allein. Zur Bibel kam er, weil er fühlte, dass die Natur, die ihn umgab, fremd war, dass die Aehren, die ringsum in der Sonne wogten, nicht ihm gehörten, nicht der Saat seiner Hände entsprossen waren. Die Tausende von Lebensströmen rings um ihn her ergossen sich aus fremden Quellen; auf dem grossen Fest der Natur waren alle, alle da, nur er und sein Volk nicht. Daher zog es ihn zur Bibel hin, wo er, sein Volk und die Natur eins waren, wo jeder einzelne im besonderen, und alle zusammen Glieder einer Familie waren, wo der Dichter nicht von seinem Volke abgetrennt lebte, weil beide in demselben Boden wurzelten, gleichwie die Zedern des Libanon und die Olivenbäume auf dem Oelberg. Frug, der erste nationale Dichter der Juden in Russland, empfand stets die Kluft zwischen sich und der ihn umgebenden Natur. Das war die offene Wunde in seinem Herzen, die Quelle seiner Leiden, und er ging hin zur Bibel, um zu träumen — zu träumen von der Zeit, da die Juden noch ein eigenes Land hatten; mit offenen Augen zu träumen von dem Juden, als einem ganzen, gesunden Menschen auf eigenem Boden. Die Fremde rings um ihn her war ihm unerträglich, und er kehrte heim zur Bibel, wie ehemals die Pilger aus Babylon nach Jerusalem, um sich wenigstens an den Feiertagen in der Heimat zu fühlen. In der Bibel fand Frug das Land, welches das Golus ihm und seinem Volke geraubt. Hier fühlte er sich für eine Weile aus der Verbannung erlöst. Sein Verhältnis zur Bibel war demnach rein romantisch, und hierin bestand der grosse Unterschied zwischen den Dichtern vom Geiste der Haskalah und Frug. Beide erlabten sich gleicherweise an der Bibel, scheinbar sahen sie aus wie leibliche Brüder. Beide schwärmten von der „Harfe" und von der „Zionsfahne", beide schöpften aus der Bibel und den Propheten, beide nahmen sich Jeremias und seine Klagelieder zum Muster. Doch wie gross war der Unterschied zwischen beiden! Der Maskil badete in den Fluten der Bibel sich von seinem Ghettoschimmel rein, der andere kam frisch herbei, um seine Kraft aus ihr zu saugen. Ersterer lernte aus der Bibel die wohlgeordnete, grammatikalisch korrekte, stilvolle Rede, eine leise Vorstellung von der Grösse und der Herrlichkeit der Gotteswelt, etwas Schönheit und Sauberkeit — der andere schöpfte aus ihr ein nationales Ideal für das jüdische Volk. Die vom Geiste der Haskala beseelten Männer vermochten darum trotz ihrer heissen Liebe zur Bibel die spätere nationale Bewegung nicht zu begreifen. Darum war Frug einer der wenigen, die den hohen Geistesflug derer ahnten, die das Wort „BJLU" ata) auf ihre Fahne geschrieben.1) Seine besten Liedergalten ihnen und waren für sie gesungen. # * * Und gesungen hatte er sie in russischer Sprache. In eine fremde Sprache musste er seine Gedanken kleiden, denn eine eigene hatte er ja nicht. Nicht hier ist der Ort, nachzuweisen, wie tiet der russische Sprachgeist bald hemmend, bald fördernd auf Frugs poetisches Talent eingewirkt hatte. Für den kritischen Beobachter steht es fest, dass wir einen ganz anderen Frug gehabt hätten, wenn der nationale Geist seiner poetischen Bilder eine nationale Sprache vor- *) Die ersten Pioniere der Kolonisation Palästinas, deren Motto der Vers „n:ta) npp rvo" gewesen.

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